Gegründet 1989 im oberbayerischen Weilheim von den Brüdern Markus Acher und Micha Acher, entwickelten sich The Notwist von einer rauen Indie-Rock-Band zu einem der einflussreichsten deutschen Acts zwischen Indie, Electronica und experimentellem Pop. Ihre frühen Alben – wie„Nook“ (1992) und „12“ (1995) – waren noch stark gitarrenorientiert. Mit „Shrink“ (1998) öffnete sich die Band zunehmend elektronischen Sounds – der internationale Durchbruch gelang schließlich mit „Neon Golden“ (2002), dessen Mischung aus fragiler Elektronik und melancholischem Indiepop bis heute stilprägend ist. Mit ihrer Mischung aus organischen Instrumenten, elektronischen Texturen und der markanten Stimme von Markus Acher gelten The Notwist als prägende Größe des deutschen Indie und werden gern auch „New Weird Bavaria“ gelabelt. Neben ihren Studioalben veröffentlichte die Band zudem Soundtrack-Alben zu den Filmen „ Absolute Giganten“, „Sturm“ und „Crazy“. Auch verweigert sich die Weilheimer Bandkonsequent konsequent allen Regeln der Pop-Welt. So haben sie zum Beispiel vor Jahren ein 750 000-Euro-Angebot von Vodafone ausgeschlagen, weil sie nicht wollten, das ihre Musik nur wegen eines Handy-Werbespots in Erinnerung bleibt.
Seit Jahrzehnten umkreisen The Notwist ein und denselben musikalischen Planeten – nur um festzustellen, dass sich dessen Landschaft langsam, aber stetig verändert. Mit ihrem neuen Album „News from Planet Zombie“ senden sie nun frische Signale aus diesem Kosmos. Aufgenommen wurde die Platte im Münchner Kulturraum „Import /Export“, einem gemeinnützigen Ort für Kunst und Musik. Für ihr zehntes Studioalbum verabschiedet sich die Band dabei bewusst von ihrer bisherigen Arbeitsweise. Während frühere Veröffentlichungen oft in langwierigen, detailversessenen Studiosessions entstanden, wurde dieses Album überraschend schnell aufgenommen – innerhalb einer Woche.
Offenes Studio, erweitertes Kollektiv
Auch der Bandkontext wurde deutlich erweitert. Während der Aufnahmen kamen und gingen Freund*innen und Gastmusiker*innen. Mit dabei waren unter anderem die Fotografin und Sängerin Enid Valu, der Klarinettist Tianping Christoph Xiao und der Jazzposaunist Mathias Götz. Theresa Loibl steuert Klarinetten, Klavier und Harmonium bei, Max Punktezahl ergänzt Gitarrenparts. Karl Ivar Refseth sorgt mit Vibraphon, Marimba und weiterer Percussion für zusätzliche Klangfarben, während Schlagzeuger Andi Haberl die rhythmische Basis legt. Die japanische Musikerin Haruka Yoshizawa setzt mit dem Taishōgoto – einer japanischen Kastenzither – einen besonderen Akzent. In dieser erweiterten Besetzung, di im Kern die Live-Besetzung darstellt, entwickelten, arrangierten und probten The Notwist die Songs gemeinsam, um sie schließlich live einzuspielen. Diese kollektive Arbeitsweise prägt den Klang von „News from Planet Zombie“ deutlich: Viele Stücke leben von der Dynamik zwischen den Beteiligten, vom hörbaren Zusammenspiel und spontanen Momenten.
Markus Achers leiser Mittelpunkt
Im Zentrum steht weiterhin die Stimme von Markus Acher. Sein Gesang bleibt das emotionale Gravitationszentrum des Albums: zurückhaltend, leicht brüchig und stets ein wenig so, als würde er die Songs eher denken als singen – inklusive jenes unverkennbaren deutschen Akzents. Unspektakulär erzählt Acher von Beobachtungen, Alltagsbildern und existenziellen Zweifeln. Wenn er über Entfremdung, Technologie oder das Gefühl permanenter Beschleunigung singt, wirken seine Texte weniger wie Kommentare zur Gegenwart als wie persönliche Tagebucheinträge – keine Parolen, sondern Momentaufnahmen.
Zwischen Indie, Electronica und Kraut
Was „News from Planet Zombie“ besonders macht, ist seine Weigerung, sich eindeutig festzulegen: zwischen Indie und Electronica, zwischen Song und Soundexperiment, zwischen Nostalgie und Zukunft. Die Bayern bleiben ihrer Handschrift treu und liefern mal energetischen, mal melancholischen Indiepop mit Krautrock- und Punk-Anklängen. So stehen Indie-Kracher wie „X‑Ray“, bei dem laut Acher der rumpelige Sixties-Beat von The Monks Pate stand, neben bewegenden Folk-Electronica-Balladen wie „Who We Used To Be“. Neben neun neuen eigenen Songs finden sich auf dem Album auch zwei Coverversionen: „Red Sun“ von Neil Young (aus „Silver & Gold“) sowie „How The Story Ends“ von der Folkpop-Band Lovers.
Funkkontakt aus einer anderen Umlaufbahn
Wer auf ein großes, programmatisches Statement gehofft hat, könnte zunächst irritiert sein. „News from Planet Zombie“ funktioniert weniger als dramatischer Neubeginn. Doch The Notwist klingen weiterhin wie eine Band, die neugierig genug ist, ihr eigenes Klanguniversum zu erweitern. „Planet Zombie“ wirkt wie ein Funkkontakt aus einer anderen Umlaufbahn – leise, rätselhaft, aber erstaunlich lebendig. Zwischen analogem Rauschen, digitaler Melancholie und stiller Schönheit zeigt die Band einmal mehr, dass Popmusik auch im Flüsterton relevant sein kann.


