„Viper’s Dream“ von Jake Lamar ist ein Noir-Trip, der Musikgeschichte, Gangsterstory, Love-Story und Drogendrama miteinander verschränkt. Für Jazzfans ein atmosphärisches Vergnügen, für Noir-Leser ein rhythmischer Kriminalroman – auch wenn die Coolness des Milieus manchmal zu sehr gefeiert wird.
Im Zentrum steht Clyde „Viper“ Morton, der Anfang der 1940er Jahre Alabama verlässt, um in der fiebrigen, hoch angesagten Jazzszene Harlems groß herauszukommen. Sein Traum: eine Karriere als Jazztrompeter. Die Realität: Sein Talent reicht nicht für die erste Liga. Statt auf der Bühne landet Morton bald hinter den Kulissen – und steigt zum Dealer und gefürchteten Gangsterboss auf. So taucht Viper tief in das Nachtleben Harlems ein, hängt in Bars und Clubs mit Musikern ab und versorgt die Szene mit Weed, Reefer, Mary Jane – Marihuana in all seinen Varianten. Die aufkommenden harten Drogen, vor allem Heroin, verachtet er jedoch zu tiefst. Eine bittere Ironie, denn genau diese Droge wird zum zentralen Motor der Zerstörung in Lamars Roman.
Zwischen Fiktion und Fakt
Eine der großen Stärken von „Viper’s Dream“ ist die souveräne Vermischung von Fiktion und historischer Realität. Lamar bevölkert seinen Roman nicht mit erfundenen Jazzlegenden, sondern mit echten Größen: Charlie „Bird“ Parker, Miles Davis, John Coltrane, Dizzy Gillespie und Thelonious Monk treten ganz selbstverständlich auf. Sie sind keine Romanfiguren im klassischen Sinn, sondern Fixpunkte einer glaubwürdigen Zeitlandschaft. So erfährt man viel über die Jazzszene New Yorks in den 1930er- und 1940er-Jahren, über den Aufstieg des radikalen neuen Bebop und über die sozialen Bedingungen, unter denen diese Musik entstand – geprägt von Rassismus, ökonomischem Druck und permanenter Unsicherheit. Zu den realen Figuren zählt auch Baroness Pannonica de Koenigswarter, geborene Rothschild. Lamar schildert sie als das, was sie historisch war: Muse, Mäzenin und Schutzraum für schwarze Jazzmusiker. In ihrem legendären „Cathouse“ gingen die Großen des Jazz ein und aus, jammten, konsumierten Drogen und suchten Zuflucht. Hier nahm sie auch den sterbenden Charlie Parker in ihren letzten Tagen in ihrer Hotelsuite auf und bot dem psychisch schwer belasteten Thelonious Monk immer wieder Unterschlupf.
Heroin und der Preis des Genies
Besonders eindrücklich ist Lamars Darstellung der zunehmenden Heroinsucht unter Jazzmusikern. Die Abhängigkeit erscheint nicht als romantisches Klischee, sondern als schleichender, allumfassender Prozess: Sie zerstört Disziplin, körperliche Kontrolle und letztlich auch den künstlerischen Ausdruck. Karrieren zerbrechen nicht am fehlenden Talent, sondern an der Droge. Auch Figuren wie der Jazz-Poet Ted Joans, der Rock’n’Roller Little Richard oder der Schauspieler Robert Mitchum erweitern das Ensemble realer Personen und verstärken den dokumentarischen Sog des Romans.
Gefährliche Verklärung
Clyde Morton bewegt sich im Orbit dieser Künstler, hört sie spielen, wird von ihnen geschätzt. Genau hier wird jedoch die Ambivalenz des Romans spürbar. Lamar beschreibt das Milieu mit großer stilistischer Lässigkeit und scheint fasziniert vom Gangsterkodex, vom Killer-Mythos und von der vermeintlichen Ehre unter Dealern. Die brutale Realität dieser Codes – Verbrechen, Gewalt, Ausbeutung – wird dabei gelegentlich weichgezeichnet. Auch sprachlich schießt der Roman manchmal über das Ziel hinaus, etwa wenn historische Tragödien wie der Atombombenabwurf auf Japan lapidar als „Gangster-Move“ bezeichnet werden. Die dunkle Aura des Noir und die mythologische Überhöhung des Jazzlebens gehen hier auf Kosten kritischer Distanz.
Ein wilder Bebop-Roman
Dennoch ist „Viper’s Dream“ für Jazzfans ein echtes Vergnügen, weil es die Atmosphäre einer entscheidenden Epoche lebendig einfängt. Noir- und Krimifans kommen ebenfalls voll auf ihre Kosten: Tempo, Gewalt und moralische Grauzonen prägen die knapp 200 Seiten. Literarische Hochkultur ist das nicht. Aber wie ein langer, wilder Bebop-Song ist dieser Roman berauschend, chaotisch und widersprüchlich – erzählt von Aufbruchsstimmung in Harlem, vom zerstörerischen Einfluss von Rassismus, Heroin und organisiertem Verbrechen und einer unerfüllten Liebe. Und ist genau deshalb: lesenswert.
Zum Autor
Nach „Das schwarze Chamäleon“ ist „Viper’s Dream“ der zweite Roman des in Paris lebenden afroamerikanischen Autors Jake Lamar, der auf Deutsch erscheint – erneut übersetzt von Robert Brack, selbst ein profilierter Krimiautor. Lamar, in der New Yorker Bronx aufgewachsen, lebt seit 1993 in Paris. Der Roman erschien 2021 zunächst auf Französisch, 2023 dann in der englischen Originalfassung. 2024 wurde „Viper’s Dream“ in Großbritannien mit dem CWA Historical Dagger Award für den besten historischen Kriminalroman ausgezeichnet.
Nach eigener Aussage hört Lamar seit über 40 Jahren beim Schreiben Musik. Folgerichtig endet „Viper’s Dream“ mit einer Playlist von fünfzig Stücken, die ihn während der Arbeit begleitet haben.
Andere Meinungen:
Egal wie es gelesen wird — „Viper’s Dream” von Jake Lamar hält, was es verspricht. Es ist eine Geschichte für musikalische Krimi-verfallene und spannungsliebende Jazz-Fans — nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Charlotte Oelschlegel, NDR, 17. Oktober 2025
„Viper’s Dream“ ist Kultur- und Stadtgeschichte, heruntergebrochen auf das Leben eines Gangsters. Lesenswert.
Sonja Hartl, SWR, 1. Dezember 2025


