Jazz, Drugs and Murder

Durch­schnitt­li­che Lese­dauer 3 Minu­ten

Viper’s Dream“ von Jake Lamar ist ein Noir-Trip, der Musikgeschichte, Gangsterstory, Love-Story und Drogendrama miteinander verschränkt. Für Jazzfans ein atmosphärisches Vergnügen, für Noir-Leser ein rhythmischer Kriminalroman – auch wenn die Coolness des Milieus manchmal zu sehr gefeiert wird.

Im Zen­trum steht Clyde Viper“ Mor­ton, der Anfang der 1940er Jahre Ala­bama ver­lässt, um in der fieb­ri­gen, hoch ange­sag­ten Jazz­szene Har­lems groß her­aus­zu­kom­men. Sein Traum: eine Kar­riere als Jazz­trom­pe­ter. Die Rea­li­tät: Sein Talent reicht nicht für die erste Liga. Statt auf der Bühne lan­det Mor­ton bald hin­ter den Kulis­sen – und steigt zum Dea­ler und gefürch­te­ten Gangs­ter­boss auf. So taucht Viper tief in das Nacht­le­ben Har­lems ein, hängt in Bars und Clubs mit Musi­kern ab und ver­sorgt die Szene mit Weed, Ree­fer, Mary Jane – Mari­huana in all sei­nen Vari­an­ten. Die auf­kom­men­den har­ten Dro­gen, vor allem Heroin, ver­ach­tet er jedoch zu tiefst. Eine bit­tere Iro­nie, denn genau diese Droge wird zum zen­tra­len Motor der Zer­stö­rung in Lamars Roman.

Zwischen Fiktion und Fakt

Eine der gro­ßen Stär­ken von Viper’s Dream“ ist die sou­ve­räne Ver­mi­schung von Fik­tion und his­to­ri­scher Rea­li­tät. Lamar bevöl­kert sei­nen Roman nicht mit erfun­de­nen Jazz­le­gen­den, son­dern mit ech­ten Grö­ßen: Char­lie Bird“ Par­ker, Miles Davis, John Col­trane, Dizzy Gil­le­spie und The­lo­nious Monk tre­ten ganz selbst­ver­ständ­lich auf. Sie sind keine Roman­fi­gu­ren im klas­si­schen Sinn, son­dern Fix­punkte einer glaub­wür­di­gen Zeit­land­schaft. So erfährt man viel über die Jazz­szene New Yorks in den 1930er- und 1940er-Jah­ren, über den Auf­stieg des radi­ka­len neuen Bebop und über die sozia­len Bedin­gun­gen, unter denen diese Musik ent­stand – geprägt von Ras­sis­mus, öko­no­mi­schem Druck und per­ma­nen­ter Unsi­cher­heit. Zu den rea­len Figu­ren zählt auch Baro­ness Pan­no­nica de Koe­nigs­war­ter, gebo­rene Roth­schild. Lamar schil­dert sie als das, was sie his­to­risch war: Muse, Mäze­nin und Schutz­raum für schwarze Jazz­mu­si­ker. In ihrem legen­dä­ren Cat­house“ gin­gen die Gro­ßen des Jazz ein und aus, jamm­ten, kon­su­mier­ten Dro­gen und such­ten Zuflucht. Hier nahm sie auch den ster­ben­den Char­lie Par­ker in ihren letz­ten Tagen in ihrer Hotel­suite auf und bot dem psy­chisch schwer belas­te­ten The­lo­nious Monk immer wie­der Unterschlupf.

Heroin und der Preis des Genies

Beson­ders ein­drück­lich ist Lamars Dar­stel­lung der zuneh­men­den Hero­in­sucht unter Jazz­mu­si­kern. Die Abhän­gig­keit erscheint nicht als roman­ti­sches Kli­schee, son­dern als schlei­chen­der, all­um­fas­sen­der Pro­zess: Sie zer­stört Dis­zi­plin, kör­per­li­che Kon­trolle und letzt­lich auch den künst­le­ri­schen Aus­druck. Kar­rie­ren zer­bre­chen nicht am feh­len­den Talent, son­dern an der Droge. Auch Figu­ren wie der Jazz-Poet Ted Joans, der Rock’n’Roller Little Richard oder der Schau­spie­ler Robert Mit­chum erwei­tern das Ensem­ble rea­ler Per­so­nen und ver­stär­ken den doku­men­ta­ri­schen Sog des Romans.

Gefährliche Verklärung

Clyde Mor­ton bewegt sich im Orbit die­ser Künst­ler, hört sie spie­len, wird von ihnen geschätzt. Genau hier wird jedoch die Ambi­va­lenz des Romans spür­bar. Lamar beschreibt das Milieu mit gro­ßer sti­lis­ti­scher Läs­sig­keit und scheint fas­zi­niert vom Gangs­ter­ko­dex, vom Kil­ler-Mythos und von der ver­meint­li­chen Ehre unter Dea­lern. Die bru­tale Rea­li­tät die­ser Codes – Ver­bre­chen, Gewalt, Aus­beu­tung – wird dabei gele­gent­lich weich­ge­zeich­net. Auch sprach­lich schießt der Roman manch­mal über das Ziel hin­aus, etwa wenn his­to­ri­sche Tra­gö­dien wie der Atom­bom­ben­ab­wurf auf Japan lapi­dar als Gangs­ter-Move“ bezeich­net wer­den. Die dunkle Aura des Noir und die mytho­lo­gi­sche Über­hö­hung des Jazz­le­bens gehen hier auf Kos­ten kri­ti­scher Distanz.

Ein wilder Bebop-Roman

Den­noch ist Viper’s Dream“ für Jazz­fans ein ech­tes Ver­gnü­gen, weil es die Atmo­sphäre einer ent­schei­den­den Epo­che leben­dig ein­fängt. Noir- und Kri­mi­fans kom­men eben­falls voll auf ihre Kos­ten: Tempo, Gewalt und mora­li­sche Grau­zo­nen prä­gen die knapp 200 Sei­ten. Lite­ra­ri­sche Hoch­kul­tur ist das nicht. Aber wie ein lan­ger, wil­der Bebop-Song ist die­ser Roman berau­schend, chao­tisch und wider­sprüch­lich – erzählt von Auf­bruchs­stim­mung in Har­lem, vom zer­stö­re­ri­schen Ein­fluss von Ras­sis­mus, Heroin und orga­ni­sier­tem Ver­bre­chen und einer uner­füll­ten Liebe. Und ist genau des­halb: lesenswert.

Jake Lamars, Viper’s Dream

Jake Lamar
Viper’s Dream
208 Sei­ten,
Ver­lag: Edi­tion Nautilus

Zum Autor

Nach Das schwarze Cha­mä­leon“ ist Viper’s Dream“ der zweite Roman des in Paris leben­den afro­ame­ri­ka­ni­schen Autors Jake Lamar, der auf Deutsch erscheint – erneut über­setzt von Robert Brack, selbst ein pro­fi­lier­ter Kri­mi­au­tor. Lamar, in der New Yor­ker Bronx auf­ge­wach­sen, lebt seit 1993 in Paris. Der Roman erschien 2021 zunächst auf Fran­zö­sisch, 2023 dann in der eng­li­schen Ori­gi­nal­fas­sung. 2024 wurde Viper’s Dream“ in Groß­bri­tan­nien mit dem CWA His­to­ri­cal Dag­ger Award für den bes­ten his­to­ri­schen Kri­mi­nal­ro­man aus­ge­zeich­net.
Nach eige­ner Aus­sage hört Lamar seit über 40 Jah­ren beim Schrei­ben Musik. Fol­ge­rich­tig endet Viper’s Dream“ mit einer Play­list von fünf­zig Stü­cken, die ihn wäh­rend der Arbeit beglei­tet haben.

Andere Meinungen:

Egal wie es gele­sen wird — Viper’s Dream” von Jake Lamar hält, was es ver­spricht. Es ist eine Geschichte für musi­ka­li­sche Krimi-ver­fal­lene und span­nungs­lie­bende Jazz-Fans — nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Char­lotte Oel­schle­gel, NDR, 17. Okto­ber 2025

Viper’s Dream“ ist Kul­tur- und Stadt­ge­schichte, her­un­ter­ge­bro­chen auf das Leben eines Gangs­ters. Lesenswert.

Sonja Hartl, SWR, 1. Dezem­ber 2025