Peace is Power

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Yoko Ono
Music Of The Mind“

Eine große Aus­stel­lung im K20 in Düs­sel­dorf wür­digt die radi­kale künst­le­ri­sche Arbeit der heute 91-jäh­ri­gen Yoko Ono. Die umfas­sende Retro­spek­tive Yoko Ono: Music of the Mind“ – eine Koope­ra­tion der Tate Modern in Lon­don und der Kunst­samm­lung NRW (K20) – zeigt chro­no­lo­gisch über 200 Werke die­ser Pio­nie­rin der Kon­zept- und Flu­xus­kunst und doku­men­tiert die Viel­schich­tig­keit und Krea­ti­vi­tät ihrer Arbeit: Hand­lungs­an­wei­sun­gen, Per­for­man­ces, Par­ti­tu­ren, Videos, Foto­gra­fien, Objekte, Musik und Texte, die in Japan, den USA und Groß­bri­tan­nien ent­stan­den sind. Viele der Werke laden das Publi­kum ein, mit ihnen zu inter­agie­ren, und wer­den erst durch die Reak­tio­nen der Betrach­ten­den voll­stän­dig. Ein Bei­spiel dafür ist Pain­ting to be Step­ped On“, erst­mals ver­öf­fent­licht 1960/​61: Lein­wand­reste lie­gen auf dem Boden, über die man acht­los lau­fen oder bewusst her­um­ge­hen kann. Oder das Light­ing Piece“ aus den 1950er Jah­ren, das auf­for­dert: Zünde ein Streich­holz an und schaue ihm beim Ver­glü­hen zu.“ Ein klei­ner Film zeigt, wie Yoko Ono die Per­for­mance selbst ausführt.

White Chess Set Play IT Trust“, 1966 : Ein Schach­spiel nur mit wei­ßen Figu­ren, dazu die Anwei­sung: Spiele so lange, bis du ver­ges­sen hast, wel­che Figu­ren deine sind.

Interaktion und Handeln

Viele der Expo­nate bestehen aus rei­nen Instruk­tio­nen, die wie Par­ti­tu­ren gestal­tet sind und vom Publi­kum Inter­pre­ta­tio­nen erfor­dern. So etwa die Auf­for­de­rung: Trage eine Tüte mit Erb­sen. Lass eine Erbse fal­len, wo immer du hin­gehst.“ oder Schreib fünf­hun­dert Tele­fon­num­mern auf eine Stelle einer Lein­wand, die so groß ist wie deine Hand­flä­che.“ Wer Onos Instruk­tio­nen folgt, erschafft eigene Bil­der im Kopf oder setzt diese real um. Ein Bei­spiel dafür ist eine Lein­wand, auf die die Besu­chen­den mit bereit­lie­gen­den Stif­ten die Schat­ten ihrer Kör­per über­tra­gen kön­nen. Auch das letzte Werk der Aus­stel­lung ist eine inter­ak­tive Hand­lungs­an­wei­sung: Add Color (Refu­gee Boat) /​Just blue /​like the ocean /​y.o.“. In der Mitte eines wei­ßen Raums steht ein schnee­wei­ßes Ruder­boot. Mit Filz­stif­ten in ver­schie­de­nen Blau­tö­nen kön­nen Besu­cher Wände und Boot mit Bot­schaf­ten fül­len. Neben dem Erwart­ba­ren wie Ich war auch hier!“ fin­den sich unzäh­lige Gedan­ken und Wün­sche zu zeit­ak­tu­el­len The­men. Über­haupt: Wün­sche, Sehn­süchte und Ima­gi­na­tion sind die gro­ßen The­men die­ser Ausstellung.

„Add Color(Refugee Boat“

Add Color (Refu­gee Boat“: Ein wei­ßes Flücht­lings­boot in einem wei­ßen Raum. Dazu Stifte und die Auf­for­de­rung, in blauer Farbe Raum und Boot mit einem Meer aus Gedan­ken und Wün­schen zu fül­len, damit das Boot davon getra­gen wird.

Wünsche und Imagination

Wish Tree“, eine fort­lau­fende Kunst­in­stal­la­ti­ons­se­rie, die Yoko Ono 1996 star­tete, lädt das Publi­kum ein, per­sön­li­che Wün­sche auf Zet­tel zu schrei­ben und diese an einen Baum zu hän­gen. Ihre Kunst ist ein Auf­ruf zum Han­deln, um gemein­sam die Welt zu ver­än­dern, einen Wunsch nach dem ande­ren“, heißt es im beglei­ten­den Aus­stel­lungs­text. Es gibt Schach­bret­ter, auf denen beide Spie­ler aus­schließ­lich mit wei­ßen Figu­ren spie­len. Die Par­tie ver­la­gert sich so weit­ge­hend in die Vor­stel­lungs­kraft der Betei­lig­ten. In schwar­zen Säcken, die den gesam­ten Kör­per ver­hül­len, wird freie Kom­mu­ni­ka­tion mög­lich: Man kann sich in ihnen aus- und wie­der anzie­hen oder ein­fach ein wenig darin schla­fen. Diese Per­for­mance-Idee führte Yoko Ono bereits vor über 60 Jah­ren auf. Sie und John Len­non gaben sogar Inter­views, wäh­rend sie in diese Säcke gehüllt waren. Eben­falls aus die­ser Zeit stam­men die Werke aus Onos Herbst­aus­stel­lung Unfi­nis­hed Pain­tings & Objects by Yoko Ono“, die 1966 in der Indica Gal­lery in Lon­don prä­sen­tiert wurde und aus klei­nen Ready-Mades besteht – eines davon Eter­nal Time“, ein Wecker ohne Stun­den­zei­ger und mit einem Ste­tho­skop, mit dem man dem end­lo­sen Geräusch der ver­ge­hen­den Zeit lau­schen kann. Das Werk Apple“ zeigt einen han­dels­üb­li­chen Apfel und lädt dazu ein, das auf­re­gende Erleb­nis zu genie­ßen, dem Apfel beim Ver­fau­len zuzu­se­hen“. John Len­non besuchte die Aus­stel­lung am Tag vor ihrer Eröff­nung und biss herz­haft in den Apfel – so lern­ten sich Len­non und Ono kennen.

Ausschnitt aus „Film No. 4 (Bottoms)“, 1966 ©Yoko Ono

Film No. 4 (Bot­toms)“, 1966 : Rund 200 fron­tale Nah­auf­nahme sich bewe­gen­der und ver­meint­lich vor­wärts schrei­ten­der nack­ten Poba­cken. Unter den Hin­ter­tei­len fin­den sich auch einige Exem­plare berühm­ter Kunst-Kol­le­gin­nen und ‑Kol­le­gen der dama­li­gen Lon­do­ner Szene. Reihe als Frie­dens­pe­ti­tion Hin­tern statt Unter­schrif­ten anein­an­der“ lau­tete Onos Anwei­sung für die Arbeit.

Musik und Philosophie

Die 1933 in Tokio gebo­rene Yoko Ono stu­dierte klas­si­sche Musik und Phi­lo­so­phie – kaum ver­wun­der­lich, dass sie zu den ers­ten gehörte, die Pop­mu­sik und Kon­zept­kunst mit­ein­an­der ver­ban­den. Zahl­rei­che Alben zeu­gen davon, die in der Aus­stel­lung über Kopf­hö­rer zu hören sind. Ein Bei­spiel ist das Wed­ding Album“ mit ledig­lich zwei Tracks. Der erste, John & Yoko“, wurde am 22. April 1969 in den Abbey Road Stu­dios auf­ge­nom­men und besteht aus­schließ­lich aus der fort­wäh­ren­den Anein­an­der­rei­hung der Vor­na­men John“ und Yoko“, die John Len­non und Yoko Ono in ver­schie­de­nen Stimm­la­gen aus­ru­fen. Unter­legt sind die Stim­men mit dem Pochen ihrer bei­den Her­zen. Der zweite Track, Ams­ter­dam“, besteht größ­ten­teils aus Inter­views von Len­non und Ono, in denen sie ihre Frie­dens­kam­pa­gnen erklä­ren, sowie Dis­kus­sio­nen, die wäh­rend eines Bed-In“ auf ihrer Hoch­zeits­reise im Hil­ton Hotel in Ams­ter­dam mit einem Kas­set­ten­re­kor­der auf­ge­nom­men wur­den. Dazu sind Hin­ter­grund­ge­räu­sche wie Möwen, Ver­kehr, spie­lende Kin­der und Sitars zu hören. Auch das Debüt-Solo­al­bum Yoko Ono/​Plastic Ono Band“, das im Dezem­ber 1970 zusam­men mit John Lennon/​Plastic Ono Band“ auf Apple Records ver­öf­fent­licht wurde, ist in der Aus­stel­lung zu hören. Es ent­hält Onos stimm­li­che Impro­vi­sa­tio­nen, beglei­tet von der Pla­s­tic Ono Band (mit Len­non an der Gitarre, Ringo Starr am Schlag­zeug und Klaus Voor­mann am Bass). Es ist ein expe­ri­men­tel­les Album, das sich durch rohe, emo­tio­nale Inten­si­tät aus­zeich­net. Es ent­hält freie Vokal­im­pro­vi­sa­tio­nen und mini­ma­lis­ti­sche Instru­men­tie­rung. Dar­über hin­aus sind ihre Avant­garde-Alben Fly“ (1971), Appro­xi­m­ately Infi­nite Uni­verse“ (1973), Sea­son of Glass“ (1981), das nach dem Tod von John Len­non ent­stand und sich tief mit Ver­lust und Trauer aus­ein­an­der­setzt, und It’s Alright (I See Rain­bows)“ (1982) zu hören. Allein das musi­ka­li­sche Œuvre die­ser außer­ge­wöhn­li­chen Künst­le­rin macht einen Besuch in der Kunst­samm­lung loh­nens­wert. Und auch wenn ihre Werke oft pola­ri­sie­ren, haben sie einen gro­ßen Ein­fluss auf die Avant­garde-Musik und die alter­na­tive Kunst­szene ausgeübt.


Yoko Ono & John Lennon, „Two Virgins“ (1968)

Unfi­nis­hed Music No. 1: Two Vir­gins“, 1968, ist das erste Album, das John Len­non gemein­sam mit sei­ner Lebens­ge­fähr­tin und spä­te­ren Ehe­frau Yoko Ono auf­nahm. Es ist ein avant­gar­dis­ti­sches Album, ent­stan­den in einer ein­zi­gen nächt­li­chen Impro­vi­sa­ti­ons­ses­sion. Es besteht aus expe­ri­men­tel­len Klang­col­la­gen, die Vokal­im­pro­vi­sa­tio­nen, Geräu­sche und elek­tro­ni­sche Effekte kom­bi­nie­ren, ohne tra­di­tio­nelle Song­struk­tu­ren. Das Album ist ebenso bekannt für sein kon­tro­ver­ses Cover und wurde zu einem Mei­len­stein in der Flu­xus- und Konzeptkunst.

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