Neuerscheinungen Mai 2026

ca. 9 Minu­ten

Neben mei­nen aus­führ­li­chen Reviews fin­den hier all jene Ver­öf­fent­li­chun­gen ihren Platz, die mir im Laufe des aktu­el­len Monats begeg­net und hän­gen­blie­ben sind. Sei es wegen eines her­aus­ra­gen­den Songs, einer Band, die ich seit Jah­ren ver­folge, einer span­nen­den Neu­ent­de­ckung oder ein­fach, eine Platte, die etwas Beson­de­res aus­strahlt. Keine Rang­liste, kein Best of the Month“ und erst Recht kein Anspruch auf Voll­stän­dig­keit. Ein­fach eine per­sön­li­che Liste aktu­el­ler Musik, die es wert ist, ent­deckt zu wer­den – chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum sor­tiert, ein paar Gedan­ken dazu und jeweils mit einem Anspieltipp.

Bonner Kramer & Thurston Moore
They Came Like Swallows: Seven Requiems

Hier tref­fen zwei Kory­phäen der alter­na­ti­ven Musik auf­ein­an­der: Thur­s­ton Moore und Bon­ner Kra­mer. Namen, die Gro­ßes ver­spre­chen – ganz ein­ge­löst wird diese Erwar­tung aller­dings nicht. Kra­mer ent­wirft seine typi­sche ruhige, melan­cho­li­sche Klang­welt, wäh­rend Moore deut­lich zurück­hal­ten­der agiert, als man es von ihm gewohnt ist. Gemein­sam erschaf­fen sie ein atmo­sphä­ri­sches, ele­gi­sches Album, das musi­ka­lisch Trauer und Mit­ge­fühl für die Opfer in Gaza aus­drü­cken möchte. Zum Abschluss gibt es noch eine Cover­ver­sion von Insight“ von Joy Divi­sion – wobei hier letzt­lich doch das Ori­gi­nal die stär­kere Wir­kung ent­fal­tet. Ins­ge­samt bleibt es ein gutes, stel­len­weise bewe­gen­des Album, das jedoch nicht immer über­zeugt. Viel­leicht muss ich mich aber noch mehr hineinhören”.

Label: Sil­ver Cur­rent
Ver­öf­fent­licht: 1. Mai 2026
Genre: Noise

Modern Woman
Johnny’s Dreamworld

Kaum zu glau­ben, dass dies ein Debüt­al­bum ist. Auf ihrem Erst­werk bewe­gen sich Modern Woman zwi­schen Art-Rock, Post-Punk, Noise-Rock und fol­ki­gen, kam­mer­mu­si­ka­li­schen Ele­men­ten, wobei Sophie Har­ris cha­ris­ma­ti­schen, thea­tra­li­schen Vocals das Album prä­gen, wäh­rend David Denyer mit Vio­li­nen und expe­ri­men­tel­len Arran­ge­ments zusätz­li­che Kon­traste schafft. Die Songs wech­seln stark zwi­schen ein­gän­gi­ge­ren Momen­ten und bewusst irri­tie­ren­den, wil­den Pas­sa­gen. Ein fas­zi­nie­ren­des, aber auch her­aus­for­dern­des Hör­erleb­nis, gerade weil an man­chen Stel­len etwas arg thea­tra­lisch wird – aber viel­leicht geht das auch nur mir so.

Label: One Little Independent/​Bertus
Ver­öf­fent­licht: 1. Mai 2026
Genre: Post-Punk, Alternative

Pigeon
Outtanational

Ein wil­des, über­dreh­tes Album: Punk, Afro­beats, Funk, Hip­Hop und Noise wer­den hier so selbst­ver­ständ­lich inein­an­der­ge­wor­fen, dass man sich dem Sog irgend­wann kaum noch ent­zie­hen kann – jeden­falls geht es mir so. Im Zen­trum steht die Frage nach Hei­mat, sowohl phy­sisch als auch spi­ri­tu­ell. Kein Wun­der: Denn ent­stan­den ist das Album mit­ten im Pro­zess der bri­ti­schen Ein­bür­ge­rung des aus Gui­nea stam­men­den Sän­gers Falle Nioke, was den Songs zusätz­li­che Dring­lich­keit ver­leiht. Beson­ders deut­lich wird dies bei Black James Dean“ – einem düs­te­ren Beat- und Bass-Track zwi­schen Punk, Garage und Shoe­gaze, über dem man­tra­ar­tig die Zeile I am the black James Dean, put me on your TV screen“ kreist. Ein Song über Migra­tion, Iden­ti­tät und die Suche nach Zukunft. Von die­ser Band wird man sicher noch mehr hören.

Label: Mem­phis Indus­tries
Ver­öf­fent­licht: 1. Mai 2026
Genre: Post-Punk, Afro-Funk

Alabaster DePlume
Dear Children of Our Children, I Knew: Epilogue

Diese EP nahm Ala­bas­ter DePlume im März 2025 wäh­rend sei­ner US-Tour gemein­sam mit Shahzad Ismaily und Tche­ser Hol­mes in Brook­lyn auf. Die Instru­men­tal­stü­cke wir­ken wie ein lei­ser Nach­hall von A Blade Because A Blade Is Whole“ — getra­gen von der beson­de­ren Che­mie des Trios und der Erfah­rung gemein­sa­mer Impro­vi­sa­tio­nen vor Publi­kum. Und wie so oft bei DePlume ist auch die­ses Werk eng mit Paläs­tina ver­wo­ben: durch Stim­men von Kin­dern aus Beth­le­hem und ein Cover, das die Zeich­nung eines Jun­gen aus Gaza zeigt. Nicht immer leicht zugäng­lich, manch­mal bei­nahe spröde — kann ich nicht immer hören, fas­zi­nie­rend ist diese EP trotzdem.

Label: Inter­na­tio­nal Anthem
Ver­öf­fent­licht: 5. Mai 2026
Genre: Weird Jazz

Broken Social Scene
Remember the Humans

Dem aus Toronto stam­men­den Kol­lek­tiv um Brendan Can­ning und Kevin Drew gelingt mit sei­nem 6ten Album, dem ers­ten seit 2017, ein tol­les Come­back: chao­ti­scher, herz­li­cher Indie-Rock in Best­form. Natür­lich ist auch Les­lie Feist wie­der mit von der Par­tie. Neun Jahre nach Hug Of Thun­der“ lie­fern Das Kol­lek­tiv ein viel­stim­mi­ges, pom­pös-fili­gran orches­trier­tes Meis­ter­werk vol­ler über­ra­schen­der Klang­far­ben, Sound­schich­ten und Bedeu­tungs­ebe­nen ab.. Zwi­schen hym­ni­schen Gitar­ren und ver­träum­ten Pas­sa­gen steckt viel Melan­cho­lie, aber auch Hoff­nung. Das Album erin­nert mich daran, dass diese Band immer grö­ßer klang als die Summe ihrer Teile. Kevin Drew mag als Kopf des Pro­jekts gel­ten, aber auch Han­nah Geor­gas, Lisa Lob­sin­ger und Les­lie Feist tre­ten im Laufe des Albums immer wie­der in den Vor­der­grund und prä­gen den Songs ihren Stem­pel auf.

Label: Arts & Crafts
Ver­öf­fent­licht: 7. Mai 2026
Genre: Alter­na­tive, Indie

Aldous Harding
Train on the Island

Train on the Island“ ist das fünfte Stu­dio­al­bum der neu­see­län­di­schen Indie-Folk-Musi­ke­rin Aldous Har­ding und wurde erneut von ihrem lang­jäh­ri­gen Weg­be­glei­ter John Parish pro­du­ziert. Die Melo­dien wir­ken zugäng­li­cher und unmit­tel­ba­rer als auf den Vor­gän­gern, wäh­rend die Texte gleich­zei­tig noch kryp­ti­scher, rät­sel­haf­ter und schwe­rer greif­bar erschei­nen. Har­ding bleibt vor allem eine Geschich­ten­er­zäh­le­rin: Sie schlüpft in unter­schied­li­che Rol­len, ver­än­dert Akzente, spielt mit Spra­che und Per­spek­ti­ven. Ihre Songs wir­ken dadurch wie kleine Thea­ter­stü­cke — eigen­wil­lig, geheim­nis­voll und oft bewusst ent­rückt. Gerade darin liegt aber die beson­dere Fas­zi­na­tion die­ses Albums: Es erklärt nichts, zieht einen aber trotz­dem immer tie­fer hinein.

Aus­führ­li­che Review

Label: Fly­ing Nun Records/​4AD
Ver­öf­fent­licht: 7. Mai 2026
Genre: Alter­na­tive, Indie, Folk

Cola
Cost of Living Adjustment

Die­ses Album tän­zelt per­ma­nent zwi­schen Ner­vo­si­tät und Cool­ness. Cola bauen aus tro­cke­nen Bass­li­nien, kan­ti­gen Gitar­ren und stoi­schen Rhyth­men einen Post-Punk-Sound, der zwar klar an die Ver­gan­gen­heit anknüpft, dabei aber nie wie bloße Retro-Übung wirkt. Alles klingt kon­trol­liert, fast spröde — aber ich mag das Gefühl, dass die Songs jeder­zeit aus­ein­an­der­bre­chen oder plötz­lich in eine andere Rich­tung kip­pen könn­ten. Gleich­zei­tig besit­zen sie eine erstaun­li­che Leich­tig­keit und einen fast bei­läu­fi­gen Pop-Appeal. Das ist sehr urbane Musik: prä­zise, kühl und intel­li­gent, aber nie ver­kopft. Für diese selt­sa­men Momente zwi­schen Anspan­nung und Euphorie.

Label: Fire Talk Records
Ver­öf­fent­licht: 7. Mai 2026
Genre: Alter­na­tive, Indie, Folk

The Claypool Lennon Delirium
The Great Parrot-Ox and The Golden Egg of Empathy

Das dritte gemein­same Album von Les Clay­pool und Sean Len­non ist ein auf­wen­di­ges Kon­zept­werk zwi­schen Prog-Rock, Psy­che­de­lia und dys­to­pi­scher Sci-Fi-Para­bel. Musi­ka­lisch wirkt das Ganze wie ein über­dreh­ter Trip durch ana­loge Syn­the­si­zer, krumme Rhyth­men und ver­spulte Gitar­ren­land­schaf­ten. Im Zen­trum steht das berühmte Gedan­ken­ex­pe­ri­ment des Paper­clip Pro­blems“: Eine super­in­tel­li­gente KI erhält den simp­len Auf­trag, mög­lichst effi­zi­ent Büro­klam­mern zu pro­du­zie­ren — mit kata­stro­pha­len Fol­gen. Klingt voll­kom­men irre, und ist es auch. Clay­pool und Len­non erzäh­len diese Geschichte mit spür­ba­rer Lust an Über­trei­bung, schrä­gem Humor und detail­ver­lieb­tem World­buil­ding. Beglei­tet wird das Album zudem von einem Comic des Fil­me­ma­chers und Künst­lers Rich Rags­dale, der die sur­reale Atmo­sphäre visu­ell erwei­tert. Alles daran wirkt ein wenig aus der Zeit gefal­len — und gerade des­halb erstaun­lich erfri­schend in einer Ära, in der Kon­zept­al­ben sel­ten gewor­den sind. 

Aus­führ­li­che Review

Label: 4AD/​Beggars/​Indigo
Ver­öf­fent­licht: 8. Mai 2026
Genre: Psy­che­de­lic, Prog-Rock

Social Distortion
Born to Kill

Social Dis­tor­tion machen wei­ter­hin genau das, was sie am bes­ten kön­nen: rauen (Pub-)Punkrock mit Herz und Stra­ßen­staub. Die Songs erzäh­len von Ver­lust, Durch­hal­ten und die­sem ewi­gen Außen­sei­ter­ge­fühl. Klar, große Über­ra­schun­gen gibt es kaum noch. Mike Ness und Kon­sor­ten wer­den mit die­ser Drei­vier­tel­stunde keine neuen Fans gewin­nen. Aber manch­mal reicht genau diese ver­traute Mischung aus Melo­die und Reib­ei­sen­charme völ­lig aus. Als Long­player viel­leicht ein biss­chen lang­wei­lig, so würde man gerne auf den Coun­try-Heu­ler Crazy Drea­mer” ver­zich­ten, aber zum Jog­gen passt der eine oder andere Song aber her­vor­ra­gend … defi­ni­tiv ein Album für Leute, die wo immer noch Rip-Unter­hem­den tragen“.

Label: Epi­taph
Ver­öf­fent­licht: 8. Mai 2026
Genre: Pub­rock, Punk

Dead Stilettos
Bodge Job

Bodge Job“ klingt wie ein über­hitz­ter Ver­stär­ker in einem viel zu klei­nen Pro­be­raum – roh, hek­tisch und ange­nehm kaputt. Dead Sti­let­tos ver­bin­den Post-Punk, Garage und eine ordent­li­che Por­tion bri­ti­schen Sar­kas­mus zu Songs, die per­ma­nent kurz vor dem Kol­laps ste­hen – und sie kom­men natür­lich aus Man­ches­ter. Mich begeis­tert vor allem diese ner­vöse Ener­gie, die das ganze Album antreibt. Hoffe, sie kom­men mal ins Bumann in Köln – ich wäre dabei. Coo­les Ding!

Label: Sour Gra­pes
Ver­öf­fent­licht: 14. Mai 2026
Genre: Post-Punk

Jeff Parker ETA IVtet
Happy Today

Das dritte Album des lang­jäh­ri­gen ETA IVtet des Tor­toise-Gitar­ris­ten und Band­lea­ders Jeff Par­ker und sei­ner Band – dar­un­ter Schlag­zeu­ger Jay Bel­le­rose, Bas­sis­tin Anna But­terss und Saxo­pho­nist Josh John­son – ent­hält zwei Stü­cke, die wäh­rend des Rund­büh­nen­auf­tritts der Band im Lodge Room auf­ge­nom­men wur­den. Musik, wie ein musi­ka­li­scher Schwe­be­zu­stand. Jazz, Ambi­ent und repe­ti­tive Groo­ves ver­bin­den sich zu etwas unglaub­lich Flie­ßen­dem. Cer­tainly not everbody‘s cup of tea – aber ich liebe diese Geduld in den Stü­cken – nichts drängt sich auf, alles darf atmen. Per­fekte Musik, um sich darin zu ver­lie­ren. Tolle Auf­nahme. Irgend­wie alles stim­mig, was die­ser Gitar­rist so macht – er spielt auch bei Tortoise. 

Label: Inter­na­tio­nal Anthem
Ver­öf­fent­licht: 15. Mai 2026
Genre: Jazz, Ambient

Kevin Morby
Little Wide Open

Kevin Morby schreibt wei­ter­hin Songs, die gleich­zei­tig läs­sig und exis­ten­zi­ell wir­ken. Little Wide Open“ hat viel Ame­ri­cana-Wärme, aber dar­un­ter liegt stän­dig eine gewisse Ein­sam­keit. Beson­ders die ruhi­ge­ren Momente tref­fen mich hier. Ein Album wie ein lan­ger Spa­zier­gang durch leere Stra­ßen kurz vor Sonnenuntergang.

Aus­führ­li­che Review

Label: Dead Oce­ans
Ver­öf­fent­licht: 15. Mai 2026
Genre: Ame­ri­cana, Folk

Tamikrest
Assikel

Mit Assikel“ prä­sen­tiert die aus Mali stam­mende Rock­band Tamik­rest ihr sechs­tes Stu­dio­al­bum – ein Werk vol­ler Tiefe, Inti­mi­tät und atmo­sphä­ri­scher Wucht. Live und direkt auf Ana­log­band auf­ge­nom­men, ver­bin­det es hyp­no­ti­sche Rhyth­men mit schwe­ben­den Melo­dien und einer fast trance­ar­ti­gen Atmo­sphäre. Ich liebe den Desert Blues“ die­ser noma­di­schen Tua­reg mit sei­nem einen rohen, oft melan­cho­li­schen Wüs­ten­klang – diese Mischung aus Ruhe und unter­schwel­li­ger Dring­lich­keit. Musik, die gleich­zei­tig erdet und wegträgt.

Label: Glit­ter­beat
Ver­öf­fent­licht: 15. Mai 2026
Genre: Desert-Folk

Alela Diane 
Who’s Keeping Time?

Alela Diane klingt hier, als hätte sie jede Zeile direkt am Küchen­tisch auf­ge­nom­men – warm, nah­bar und vol­ler melan­cho­li­scher Schön­heit. Die Songs krei­sen um Ver­gäng­lich­keit, Fami­lie und Erin­ne­rung, ohne jemals kit­schig zu wer­den. Ich mag die Unauf­ge­regt­heit die­ses Album. Es ver­traut kom­plett auf Stimme, Atmo­sphäre und gute Songs. Alela Diane: Wir spiel­ten diese Songs gemein­sam in einem Raum: keine Click-Tracks, keine Tricks und kein Auf­he­bens. Das ist Musik aus den Her­zen und atmen­den Kör­pern von Men­schen, so unvoll­kom­men wir auch sein mögen.” Und das hört man.

Label: Loose Music
Ver­öf­fent­licht: 22. Mai 2026
Genre: Folk

Red Rocking Chair
All Them Witches

All Them Witches 
House of Mirrors 

Mal wie­der ein schwe­rer, stau­bi­ger Bro­cken aus Psy­che­de­lic Rock, Blues und Doom-Gefühl. Die aus Nash­ville stam­mende All Them Wit­ches jam­men sich auf ihrem sei­nem 7ten Album gewohnt durch düs­tere Groo­ves. Muss man mögen, aber mich cat­chen diese hyp­no­ti­sche Gitar­ren­läufe ein­fach. Musik wie eine nächt­li­che Auto­fahrt irgendwo zwi­schen Wüste und Gewitterfront.

Label: BMG Rights
Ver­öf­fent­licht: 28. Mai 2026
Genre: Psy­che­de­lic, Blues-Rock

Guided by Voices
Crawlspace of the Pantheon 

Robert Pol­lard ver­öf­fent­licht wei­ter­hin Songs, als gäbe es kein Mor­gen. Auch die­ses Album wirkt wie ein wil­der Strom aus Lo-Fi-Pop, Gara­gen­rock und halb­fer­ti­gen Genia­li­tä­ten. Nicht jeder Song sitzt, aber so kennt man die Band. Gui­ded by Voices blei­ben eine Band, die lie­ber zehn bril­lante Ideen zu viel hat als eine zu wenig. Es ist, sage und schreibe, bereits das 43. Album der US-ame­ri­ka­ni­sche Rockband.

Label: GBV Inc.
Ver­öf­fent­licht: 28. Mai 2026
Genre: Psy­che­de­lic, Indierock

BLKE
BLKE

BLKE Mini-Smart­phones sind kom­pakte Android-Han­dys spe­zi­ell für Kin­der– mit hoch­auf­lö­sende Kame­ras auf der Vor­der- und Rück­seite. BLKE ist aber vor allen Din­gen ein Noise- und Psy­che­de­lic-Rock-Pro­jekt aus Ber­lin, das aus dem Lon­do­ner Under­ground her­vor­ging und sich an der Schnitt­stelle von roher Inten­si­tät und hyp­no­ti­scher Repe­ti­tion bewegt. Kopf der Band ist Sän­ger und Gitar­rist Jakob Burac­zew­ski, am Schlag­zeug sitzt – wie tref­fend – Michael Drum­mer. Man kennt ihn von den Krautro­ckern Camera. Hyp­no­tisch krau­tig geht es ent­spre­chend auch auf die­sem Album zu – mit einer ein­zig­ar­ti­gen Fusion aus Kraut­rock-Rhyth­men, psy­che­de­li­schen Klän­gen und Garage-Punk. Ihre Musik balan­ciert kon­trol­lier­tes Chaos mit dich­ter Atmo­sphäre aus – getra­gen von Moto­rik-Rhyth­men, schrof­fen Gitar­ren­tex­tu­ren und einer melan­cho­li­schen Schwere. Wem Camera gefiel, wird BLKE lie­ben. Mir gefällt’s!

Label: Tone­zone
Ver­öf­fent­licht: 22. Mai 2026
Genre: Psy­che­de­lic, Kraut, Noise

Boards of Canada
Inferno

Nach all den Jah­ren wie­der ein neues Album von Boards of Canada zu hören, fühlt sich bei­nahe unwirk­lich an. Auch das fünfte Werk der Schot­ten bewahrt jene unver­wech­sel­ba­ren Melo­dien und Atmo­sphä­ren, die ihr Schaf­fen seit jeher prä­gen. Inferno“ klingt wie ver­staubte Kind­heits­er­in­ne­run­gen auf VHS – warm, ver­stö­rend und zugleich von einer eigen­tüm­li­chen Ver­träumt­heit durch­zo­gen. Die Beats blei­ben meist im Hin­ter­grund; wich­ti­ger sind die Klang­tex­tu­ren und die­ses per­ma­nente Gefühl unter­schwel­li­ger Nost­al­gie. Naraka“ ist dafür ein Para­de­bei­spiel. Der Track strahlt große Sou­ve­rä­ni­tät und eine fast bei­läu­fige Läs­sig­keit aus: ein trei­ben­der Synth-Bass, per­lende Key­board­li­nien und ein man­tra­haf­ter, nahezu abs­trak­ter Gesang ver­schmel­zen zu einem fas­zi­nie­ren­den Gan­zen. In der Ein­heit liegt die Kraft. Dabei bedeu­tet Naraka (Sans­krit: नरक) wört­lich Hölle“ oder Unter­welt“ – ein Begriff aus den indi­schen Reli­gio­nen wie Hin­du­is­mus, Bud­dhis­mus, Jai­nis­mus und Sik­his­mus. Sel­ten habe ich elek­tro­ni­sche Musik gehört, die die düs­te­ren Geis­ter so ein­drucks­voll vertreibt.

Label: Wrap
Ver­öf­fent­licht: 28. Mai 2026
Genre: Elec­tro­nic, Ambient

David Eugene Edwards
Mercurial Silence

David Eugene Edwards prägt die ame­ri­ka­ni­sche Musik­szene seit über drei Jahr­zehn­ten. Seine Stimme ist unver­wech­sel­bar, ragt aus nahezu jedem Genre-Kon­text her­aus. Mit 16 Hor­se­power begann er einst mit düs­te­rem Folk, spä­ter folgte die wuch­tige Inten­si­tät von Woven­hand. Seit 2023 ist der sinistre Pre­di­ger auf Solo­pfa­den unter­wegs. Auf sei­nem zwei­ten Solo­al­bum Mer­cu­rial Silence“ erkun­det er neue Klang­wel­ten: elek­tro­ni­sche Pro­duk­tio­nen, viel­schich­tige Tex­tu­ren – und trotz­dem fehlt auch das Banjo nicht. Die zwölf Songs krei­sen erneut um die ganz denen The­men: Göt­ter, jahr­tau­sen­de­alte Mytho­lo­gien, Glau­ben und Spi­ri­tua­li­tät – Geschich­ten zwi­schen Him­mel und Erde. Musi­ka­lisch tref­fen akus­ti­sche Instru­mente auf pro­gram­mierte Rhyth­men sowie dichte Ambi­ent- und Indus­trial-Flä­chen. Mer­cu­rial Silence“ ver­zich­tet dabei auf die rohe, kör­per­li­che Wucht frü­he­rer Pro­jekte. Statt­des­sen ent­fal­tet sich das Album lang­sam, gedul­dig und atmosphärisch.

Label: Sar­gent House/​Cargo
Ver­öf­fent­licht: 22. Mai 2026
Genre: Gothic, Elec­tro­nic, Folk

Ed O’Brien
Blue morpho

Ende 2020, womög­lich befeu­ert vom pan­de­mi­schen Still­stand, rutschte Radio­head-Gitar­rist Ed O’Brien in eine tiefe Depres­sion. Auf sei­nem Anwe­sen in Wales stimmte er sämt­li­che Instru­mente nicht auf die übli­chen 440, son­dern auf 432 Hertz – jene Fre­quenz, der eine beru­hi­gende, fast medi­ta­tive Wir­kung nach­ge­sagt wird, oft auch als natür­li­cher Kam­mer­ton“ bezeich­net. Ich habe davon keine Ahnung, aber so steht es in den Liner­no­tes. Blue Mor­pho“ will die­ses Kon­zept spür­bar machen: Vogel­ge­zwit­scher und die Strei­cher des Tal­linn Cham­ber Orches­tra tau­chen die Songs in sanfte Schwe­re­lo­sig­keit. Gleich­zei­tig set­zen Tracks wie das Trip-Hop- und Neo-Soul-inspi­rierte Tea­chers“ groo­vige Akzente, wäh­rend Shabaka Hut­chings’ Flöte Thin Places“ ver­edelt. Über allem liegt die melan­cho­li­sche Patina von Radio­head. Die Spi­ri­tua­li­tät, die viele Songs durch­zieht, bleibt dabei zwar unauf­dring­lich, man­ches gerät jedoch arg kit­schig und pathe­tisch – aber gerade für ein aus­ge­dehn­tes Sonn­tags­früh­stück ist das Album ein wun­der­bar ver­träum­ter Soundtrack.

Label: Trans­gres­sive
Ver­öf­fent­licht: 22. Mai 2026
Genre: Gothic, Elec­tro­nic, Folk

99 BPM
Kurt Vile

Kurt Vile 
Philadelphia´s been Good to Me 

Kurt Vile wür­digt mit sei­nem selbst pro­du­zier­ten, zehn­ten Album Philadelphia’s Been Good to Me“ seine Hei­mat­stadt und belässt eigent­lich alles beim Alten. Über­ra­schun­gen sucht man hier ver­geb­lich: Die Gitar­ren schlur­fen gewohnt läs­sig durch die Songs, die Melo­dien wir­ken wie im Vor­bei­ge­hen ein­ge­fan­gen, und Vile mimt ein­mal mehr den völ­lig ent­spann­ten Beob­ach­ter des All­tags. Mir hat das immer schon an ihm gefal­len – und es funk­tio­niert auch wei­ter­hin: die­ses warme, leicht ver­peilte, melan­cho­li­sche und gleich­zei­tig tröst­li­che. Stü­cke wie Chance to Bleed“ oder 99th Song“ zei­gen, dass Vile seine Stär­ken inzwi­schen so selbst­ver­ständ­lich aus­spielt, dass selbst kleine Varia­tio­nen genü­gen, um hän­gen zu blei­ben. Das Album mar­kiert ein wei­te­res Kapi­tel in einem Werk, das seit Jah­ren bemer­kens­wert kon­stant auf hohem Niveau funk­tio­niert. Wer Kurt Vile liebt, wird auch die­ses Album lieben.

Label: Verve/​Universal
Ver­öf­fent­licht: 29. Mai 2026
Genre: Psy­che­de­lic, Folk, Indie-Rock