Neben meinen ausführlichen Reviews finden hier all jene Veröffentlichungen ihren Platz, die mir im Laufe des aktuellen Monats begegnet und hängenblieben sind. Sei es wegen eines herausragenden Songs, einer Band, die ich seit Jahren verfolge, einer spannenden Neuentdeckung oder einfach, eine Platte, die etwas Besonderes ausstrahlt. Keine Rangliste, kein „Best of the Month“ und erst Recht kein Anspruch auf Vollständigkeit. Einfach eine persönliche Liste aktueller Musik, die es wert ist, entdeckt zu werden – chronologisch nach Erscheinungsdatum sortiert, ein paar Gedanken dazu und jeweils mit einem Anspieltipp.
Bonner Kramer & Thurston Moore
They Came Like Swallows: Seven Requiems
Hier treffen zwei Koryphäen der alternativen Musik aufeinander: Thurston Moore und Bonner Kramer. Namen, die Großes versprechen – ganz eingelöst wird diese Erwartung allerdings nicht. Kramer entwirft seine typische ruhige, melancholische Klangwelt, während Moore deutlich zurückhaltender agiert, als man es von ihm gewohnt ist. Gemeinsam erschaffen sie ein atmosphärisches, elegisches Album, das musikalisch Trauer und Mitgefühl für die Opfer in Gaza ausdrücken möchte. Zum Abschluss gibt es noch eine Coverversion von „Insight“ von Joy Division – wobei hier letztlich doch das Original die stärkere Wirkung entfaltet. Insgesamt bleibt es ein gutes, stellenweise bewegendes Album, das jedoch nicht immer überzeugt. Vielleicht muss ich mich aber „noch mehr hineinhören”.
Label: Silver Current
Veröffentlicht: 1. Mai 2026
Genre: Noise
Modern Woman
Johnny’s Dreamworld
Kaum zu glauben, dass dies ein Debütalbum ist. Auf ihrem Erstwerk bewegen sich Modern Woman zwischen Art-Rock, Post-Punk, Noise-Rock und folkigen, kammermusikalischen Elementen, wobei Sophie Harris charismatischen, theatralischen Vocals das Album prägen, während David Denyer mit Violinen und experimentellen Arrangements zusätzliche Kontraste schafft. Die Songs wechseln stark zwischen eingängigeren Momenten und bewusst irritierenden, wilden Passagen. Ein faszinierendes, aber auch herausforderndes Hörerlebnis, gerade weil an manchen Stellen etwas arg theatralisch wird – aber vielleicht geht das auch nur mir so.
Label: One Little Independent/Bertus
Veröffentlicht: 1. Mai 2026
Genre: Post-Punk, Alternative
Pigeon
Outtanational
Ein wildes, überdrehtes Album: Punk, Afrobeats, Funk, HipHop und Noise werden hier so selbstverständlich ineinandergeworfen, dass man sich dem Sog irgendwann kaum noch entziehen kann – jedenfalls geht es mir so. Im Zentrum steht die Frage nach Heimat, sowohl physisch als auch spirituell. Kein Wunder: Denn entstanden ist das Album mitten im Prozess der britischen Einbürgerung des aus Guinea stammenden Sängers Falle Nioke, was den Songs zusätzliche Dringlichkeit verleiht. Besonders deutlich wird dies bei „Black James Dean“ – einem düsteren Beat- und Bass-Track zwischen Punk, Garage und Shoegaze, über dem mantraartig die Zeile „I am the black James Dean, put me on your TV screen“ kreist. Ein Song über Migration, Identität und die Suche nach Zukunft. Von dieser Band wird man sicher noch mehr hören.
Label: Memphis Industries
Veröffentlicht: 1. Mai 2026
Genre: Post-Punk, Afro-Funk
Alabaster DePlume
Dear Children of Our Children, I Knew: Epilogue
Diese EP nahm Alabaster DePlume im März 2025 während seiner US-Tour gemeinsam mit Shahzad Ismaily und Tcheser Holmes in Brooklyn auf. Die Instrumentalstücke wirken wie ein leiser Nachhall von „A Blade Because A Blade Is Whole“ — getragen von der besonderen Chemie des Trios und der Erfahrung gemeinsamer Improvisationen vor Publikum. Und wie so oft bei DePlume ist auch dieses Werk eng mit Palästina verwoben: durch Stimmen von Kindern aus Bethlehem und ein Cover, das die Zeichnung eines Jungen aus Gaza zeigt. Nicht immer leicht zugänglich, manchmal beinahe spröde — kann ich nicht immer hören, faszinierend ist diese EP trotzdem.
Label: International Anthem
Veröffentlicht: 5. Mai 2026
Genre: Weird Jazz
Broken Social Scene
Remember the Humans
Dem aus Toronto stammenden Kollektiv um Brendan Canning und Kevin Drew gelingt mit seinem 6ten Album, dem ersten seit 2017, ein tolles Comeback: chaotischer, herzlicher Indie-Rock in Bestform. Natürlich ist auch Leslie Feist wieder mit von der Partie. Neun Jahre nach „Hug Of Thunder“ liefern Das Kollektiv ein vielstimmiges, pompös-filigran orchestriertes Meisterwerk voller überraschender Klangfarben, Soundschichten und Bedeutungsebenen ab.. Zwischen hymnischen Gitarren und verträumten Passagen steckt viel Melancholie, aber auch Hoffnung. Das Album erinnert mich daran, dass diese Band immer größer klang als die Summe ihrer Teile. Kevin Drew mag als Kopf des Projekts gelten, aber auch Hannah Georgas, Lisa Lobsinger und Leslie Feist treten im Laufe des Albums immer wieder in den Vordergrund und prägen den Songs ihren Stempel auf.
Label: Arts & Crafts
Veröffentlicht: 7. Mai 2026
Genre: Alternative, Indie
Aldous Harding
Train on the Island
„Train on the Island“ ist das fünfte Studioalbum der neuseeländischen Indie-Folk-Musikerin Aldous Harding und wurde erneut von ihrem langjährigen Wegbegleiter John Parish produziert. Die Melodien wirken zugänglicher und unmittelbarer als auf den Vorgängern, während die Texte gleichzeitig noch kryptischer, rätselhafter und schwerer greifbar erscheinen. Harding bleibt vor allem eine Geschichtenerzählerin: Sie schlüpft in unterschiedliche Rollen, verändert Akzente, spielt mit Sprache und Perspektiven. Ihre Songs wirken dadurch wie kleine Theaterstücke — eigenwillig, geheimnisvoll und oft bewusst entrückt. Gerade darin liegt aber die besondere Faszination dieses Albums: Es erklärt nichts, zieht einen aber trotzdem immer tiefer hinein.
Label: Flying Nun Records/4AD
Veröffentlicht: 7. Mai 2026
Genre: Alternative, Indie, Folk
Cola
Cost of Living Adjustment
Dieses Album tänzelt permanent zwischen Nervosität und Coolness. Cola bauen aus trockenen Basslinien, kantigen Gitarren und stoischen Rhythmen einen Post-Punk-Sound, der zwar klar an die Vergangenheit anknüpft, dabei aber nie wie bloße Retro-Übung wirkt. Alles klingt kontrolliert, fast spröde — aber ich mag das Gefühl, dass die Songs jederzeit auseinanderbrechen oder plötzlich in eine andere Richtung kippen könnten. Gleichzeitig besitzen sie eine erstaunliche Leichtigkeit und einen fast beiläufigen Pop-Appeal. Das ist sehr urbane Musik: präzise, kühl und intelligent, aber nie verkopft. Für diese seltsamen Momente zwischen Anspannung und Euphorie.
Label: Fire Talk Records
Veröffentlicht: 7. Mai 2026
Genre: Alternative, Indie, Folk
The Claypool Lennon Delirium
The Great Parrot-Ox and The Golden Egg of Empathy
Das dritte gemeinsame Album von Les Claypool und Sean Lennon ist ein aufwendiges Konzeptwerk zwischen Prog-Rock, Psychedelia und dystopischer Sci-Fi-Parabel. Musikalisch wirkt das Ganze wie ein überdrehter Trip durch analoge Synthesizer, krumme Rhythmen und verspulte Gitarrenlandschaften. Im Zentrum steht das berühmte Gedankenexperiment des „Paperclip Problems“: Eine superintelligente KI erhält den simplen Auftrag, möglichst effizient Büroklammern zu produzieren — mit katastrophalen Folgen. Klingt vollkommen irre, und ist es auch. Claypool und Lennon erzählen diese Geschichte mit spürbarer Lust an Übertreibung, schrägem Humor und detailverliebtem Worldbuilding. Begleitet wird das Album zudem von einem Comic des Filmemachers und Künstlers Rich Ragsdale, der die surreale Atmosphäre visuell erweitert. Alles daran wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen — und gerade deshalb erstaunlich erfrischend in einer Ära, in der Konzeptalben selten geworden sind.
Label: 4AD/Beggars/Indigo
Veröffentlicht: 8. Mai 2026
Genre: Psychedelic, Prog-Rock
Social Distortion
Born to Kill
Social Distortion machen weiterhin genau das, was sie am besten können: rauen (Pub-)Punkrock mit Herz und Straßenstaub. Die Songs erzählen von Verlust, Durchhalten und diesem ewigen Außenseitergefühl. Klar, große Überraschungen gibt es kaum noch. Mike Ness und Konsorten werden mit dieser Dreiviertelstunde keine neuen Fans gewinnen. Aber manchmal reicht genau diese vertraute Mischung aus Melodie und Reibeisencharme völlig aus. Als Longplayer vielleicht ein bisschen langweilig, so würde man gerne auf den Country-Heuler „Crazy Dreamer” verzichten, aber zum Joggen passt der eine oder andere Song aber hervorragend … definitiv ein Album für Leute, „die wo immer noch Rip-Unterhemden tragen“.
Label: Epitaph
Veröffentlicht: 8. Mai 2026
Genre: Pubrock, Punk
Dead Stilettos
Bodge Job
„Bodge Job“ klingt wie ein überhitzter Verstärker in einem viel zu kleinen Proberaum – roh, hektisch und angenehm kaputt. Dead Stilettos verbinden Post-Punk, Garage und eine ordentliche Portion britischen Sarkasmus zu Songs, die permanent kurz vor dem Kollaps stehen – und sie kommen natürlich aus Manchester. Mich begeistert vor allem diese nervöse Energie, die das ganze Album antreibt. Hoffe, sie kommen mal ins Bumann in Köln – ich wäre dabei. Cooles Ding!
Label: Sour Grapes
Veröffentlicht: 14. Mai 2026
Genre: Post-Punk
Jeff Parker ETA IVtet
Happy Today
Das dritte Album des langjährigen ETA IVtet des Tortoise-Gitarristen und Bandleaders Jeff Parker und seiner Band – darunter Schlagzeuger Jay Bellerose, Bassistin Anna Butterss und Saxophonist Josh Johnson – enthält zwei Stücke, die während des Rundbühnenauftritts der Band im Lodge Room aufgenommen wurden. Musik, wie ein musikalischer Schwebezustand. Jazz, Ambient und repetitive Grooves verbinden sich zu etwas unglaublich Fließendem. Certainly not everbody‘s cup of tea – aber ich liebe diese Geduld in den Stücken – nichts drängt sich auf, alles darf atmen. Perfekte Musik, um sich darin zu verlieren. Tolle Aufnahme. Irgendwie alles stimmig, was dieser Gitarrist so macht – er spielt auch bei Tortoise.
Label: International Anthem
Veröffentlicht: 15. Mai 2026
Genre: Jazz, Ambient
Kevin Morby
Little Wide Open
Kevin Morby schreibt weiterhin Songs, die gleichzeitig lässig und existenziell wirken. „Little Wide Open“ hat viel Americana-Wärme, aber darunter liegt ständig eine gewisse Einsamkeit. Besonders die ruhigeren Momente treffen mich hier. Ein Album wie ein langer Spaziergang durch leere Straßen kurz vor Sonnenuntergang.
Label: Dead Oceans
Veröffentlicht: 15. Mai 2026
Genre: Americana, Folk
Tamikrest
Assikel
Mit „Assikel“ präsentiert die aus Mali stammende Rockband Tamikrest ihr sechstes Studioalbum – ein Werk voller Tiefe, Intimität und atmosphärischer Wucht. Live und direkt auf Analogband aufgenommen, verbindet es hypnotische Rhythmen mit schwebenden Melodien und einer fast tranceartigen Atmosphäre. Ich liebe den „Desert Blues“ dieser nomadischen Tuareg mit seinem einen rohen, oft melancholischen Wüstenklang – diese Mischung aus Ruhe und unterschwelliger Dringlichkeit. Musik, die gleichzeitig erdet und wegträgt.
Label: Glitterbeat
Veröffentlicht: 15. Mai 2026
Genre: Desert-Folk
Alela Diane
Who’s Keeping Time?
Alela Diane klingt hier, als hätte sie jede Zeile direkt am Küchentisch aufgenommen – warm, nahbar und voller melancholischer Schönheit. Die Songs kreisen um Vergänglichkeit, Familie und Erinnerung, ohne jemals kitschig zu werden. Ich mag die Unaufgeregtheit dieses Album. Es vertraut komplett auf Stimme, Atmosphäre und gute Songs. Alela Diane: „Wir spielten diese Songs gemeinsam in einem Raum: keine Click-Tracks, keine Tricks und kein Aufhebens. Das ist Musik aus den Herzen und atmenden Körpern von Menschen, so unvollkommen wir auch sein mögen.” Und das hört man.
Label: Loose Music
Veröffentlicht: 22. Mai 2026
Genre: Folk
Red Rocking Chair
All Them Witches
All Them Witches
House of Mirrors
Mal wieder ein schwerer, staubiger Brocken aus Psychedelic Rock, Blues und Doom-Gefühl. Die aus Nashville stammende All Them Witches jammen sich auf ihrem seinem 7ten Album gewohnt durch düstere Grooves. Muss man mögen, aber mich catchen diese hypnotische Gitarrenläufe einfach. Musik wie eine nächtliche Autofahrt irgendwo zwischen Wüste und Gewitterfront.
Label: BMG Rights
Veröffentlicht: 28. Mai 2026
Genre: Psychedelic, Blues-Rock
Guided by Voices
Crawlspace of the Pantheon
Robert Pollard veröffentlicht weiterhin Songs, als gäbe es kein Morgen. Auch dieses Album wirkt wie ein wilder Strom aus Lo-Fi-Pop, Garagenrock und halbfertigen Genialitäten. Nicht jeder Song sitzt, aber so kennt man die Band. Guided by Voices bleiben eine Band, die lieber zehn brillante Ideen zu viel hat als eine zu wenig. Es ist, sage und schreibe, bereits das 43. Album der US-amerikanische Rockband.
Label: GBV Inc.
Veröffentlicht: 28. Mai 2026
Genre: Psychedelic, Indierock
BLKE
BLKE
BLKE Mini-Smartphones sind kompakte Android-Handys speziell für Kinder– mit hochauflösende Kameras auf der Vorder- und Rückseite. BLKE ist aber vor allen Dingen ein Noise- und Psychedelic-Rock-Projekt aus Berlin, das aus dem Londoner Underground hervorging und sich an der Schnittstelle von roher Intensität und hypnotischer Repetition bewegt. Kopf der Band ist Sänger und Gitarrist Jakob Buraczewski, am Schlagzeug sitzt – wie treffend – Michael Drummer. Man kennt ihn von den Krautrockern Camera. Hypnotisch krautig geht es entsprechend auch auf diesem Album zu – mit einer einzigartigen Fusion aus Krautrock-Rhythmen, psychedelischen Klängen und Garage-Punk. Ihre Musik balanciert kontrolliertes Chaos mit dichter Atmosphäre aus – getragen von Motorik-Rhythmen, schroffen Gitarrentexturen und einer melancholischen Schwere. Wem Camera gefiel, wird BLKE lieben. Mir gefällt’s!
Label: Tonezone
Veröffentlicht: 22. Mai 2026
Genre: Psychedelic, Kraut, Noise
Boards of Canada
Inferno
Nach all den Jahren wieder ein neues Album von Boards of Canada zu hören, fühlt sich beinahe unwirklich an. Auch das fünfte Werk der Schotten bewahrt jene unverwechselbaren Melodien und Atmosphären, die ihr Schaffen seit jeher prägen. „Inferno“ klingt wie verstaubte Kindheitserinnerungen auf VHS – warm, verstörend und zugleich von einer eigentümlichen Verträumtheit durchzogen. Die Beats bleiben meist im Hintergrund; wichtiger sind die Klangtexturen und dieses permanente Gefühl unterschwelliger Nostalgie. „Naraka“ ist dafür ein Paradebeispiel. Der Track strahlt große Souveränität und eine fast beiläufige Lässigkeit aus: ein treibender Synth-Bass, perlende Keyboardlinien und ein mantrahafter, nahezu abstrakter Gesang verschmelzen zu einem faszinierenden Ganzen. In der Einheit liegt die Kraft. Dabei bedeutet Naraka (Sanskrit: नरक) wörtlich „Hölle“ oder „Unterwelt“ – ein Begriff aus den indischen Religionen wie Hinduismus, Buddhismus, Jainismus und Sikhismus. Selten habe ich elektronische Musik gehört, die die düsteren Geister so eindrucksvoll vertreibt.
Label: Wrap
Veröffentlicht: 28. Mai 2026
Genre: Electronic, Ambient
David Eugene Edwards
Mercurial Silence
David Eugene Edwards prägt die amerikanische Musikszene seit über drei Jahrzehnten. Seine Stimme ist unverwechselbar, ragt aus nahezu jedem Genre-Kontext heraus. Mit 16 Horsepower begann er einst mit düsterem Folk, später folgte die wuchtige Intensität von Wovenhand. Seit 2023 ist der sinistre Prediger auf Solopfaden unterwegs. Auf seinem zweiten Soloalbum „Mercurial Silence“ erkundet er neue Klangwelten: elektronische Produktionen, vielschichtige Texturen – und trotzdem fehlt auch das Banjo nicht. Die zwölf Songs kreisen erneut um die ganz denen Themen: Götter, jahrtausendealte Mythologien, Glauben und Spiritualität – Geschichten zwischen Himmel und Erde. Musikalisch treffen akustische Instrumente auf programmierte Rhythmen sowie dichte Ambient- und Industrial-Flächen. „Mercurial Silence“ verzichtet dabei auf die rohe, körperliche Wucht früherer Projekte. Stattdessen entfaltet sich das Album langsam, geduldig und atmosphärisch.
Label: Sargent House/Cargo
Veröffentlicht: 22. Mai 2026
Genre: Gothic, Electronic, Folk
Ed O’Brien
Blue morpho
Ende 2020, womöglich befeuert vom pandemischen Stillstand, rutschte Radiohead-Gitarrist Ed O’Brien in eine tiefe Depression. Auf seinem Anwesen in Wales stimmte er sämtliche Instrumente nicht auf die üblichen 440, sondern auf 432 Hertz – jene Frequenz, der eine beruhigende, fast meditative Wirkung nachgesagt wird, oft auch als „natürlicher Kammerton“ bezeichnet. Ich habe davon keine Ahnung, aber so steht es in den Linernotes. „Blue Morpho“ will dieses Konzept spürbar machen: Vogelgezwitscher und die Streicher des Tallinn Chamber Orchestra tauchen die Songs in sanfte Schwerelosigkeit. Gleichzeitig setzen Tracks wie das Trip-Hop- und Neo-Soul-inspirierte „Teachers“ groovige Akzente, während Shabaka Hutchings’ Flöte „Thin Places“ veredelt. Über allem liegt die melancholische Patina von Radiohead. Die Spiritualität, die viele Songs durchzieht, bleibt dabei zwar unaufdringlich, manches gerät jedoch arg kitschig und pathetisch – aber gerade für ein ausgedehntes Sonntagsfrühstück ist das Album ein wunderbar verträumter Soundtrack.
Label: Transgressive
Veröffentlicht: 22. Mai 2026
Genre: Gothic, Electronic, Folk
99 BPM
Kurt Vile
Kurt Vile
Philadelphia´s been Good to Me
Kurt Vile würdigt mit seinem selbst produzierten, zehnten Album „Philadelphia’s Been Good to Me“ seine Heimatstadt und belässt eigentlich alles beim Alten. Überraschungen sucht man hier vergeblich: Die Gitarren schlurfen gewohnt lässig durch die Songs, die Melodien wirken wie im Vorbeigehen eingefangen, und Vile mimt einmal mehr den völlig entspannten Beobachter des Alltags. Mir hat das immer schon an ihm gefallen – und es funktioniert auch weiterhin: dieses warme, leicht verpeilte, melancholische und gleichzeitig tröstliche. Stücke wie „Chance to Bleed“ oder „99th Song“ zeigen, dass Vile seine Stärken inzwischen so selbstverständlich ausspielt, dass selbst kleine Variationen genügen, um hängen zu bleiben. Das Album markiert ein weiteres Kapitel in einem Werk, das seit Jahren bemerkenswert konstant auf hohem Niveau funktioniert. Wer Kurt Vile liebt, wird auch dieses Album lieben.
Label: Verve/Universal
Veröffentlicht: 29. Mai 2026
Genre: Psychedelic, Folk, Indie-Rock

