Zoh Amba (geb. 27. April 2000) stammt aus Kingsport inmitten der Appalachen – einer Region, die aufgrund ihrer traditionellen, konservativ-christlichen Prägung häufig als „Bible Belt“ (Bibelgürtel) bezeichnet wird. Mit 17 Jahren zog die non-binäre Musikerin nach San Francisco und später nach New York. Bekannt wurde Amba als Saxophonistin mit außergewöhnlicher Intensität zwischen Spiritual Jazz, Free Jazz und improvisierter Musik. Zu den frühen Förderern zählte der legendäre Komponist John Zorn. Auf dessen Label Tzadik erschienen mehrere der ersten Veröffentlichungen. Darüber hinaus unterstützte Zorn den Aufbau einer internationalen Karriere in der Improvisationsszene. Im Laufe der Jahre arbeitete Amba mit zahlreichen Musiker*innen der experimentellen Jazzwelt zusammen und spielte auf renommierten Festivals rund um den Globus. Für das aktuelle Album „Eyes Full“ tritt das Saxofon jedoch weitgehend in den Hintergrund. Stattdessen steht die Gitarre im Mittelpunkt. Aus den oft frei fließenden Jazz-Exkursionen wird ein windschiefer Americana-Sound, durchzogen von Folk, Blues, Country und grungigem Noise-Pop. Gemeinsam mit Schlagzeuger Jim White, bekannt durch die Arbeit mit Dirty Three und zahlreichen Independent-Projekten, entstand ein Album, das die musikalischen Wurzeln der Appalachen mit experimenteller Offenheit verbindet.
I seen you on the shore
Textauszug aus „Eyes Full”
Dreaming of so much more
A life you think you could only see in the sunshine
Die junge Saxophonist*in Zoh Amba überrascht mit dem neuen Album „Eyes Full“ auf ganzer Linie: Das Saxofon tritt weitgehend in den Hintergrund, stattdessen rückt die Gitarre ins Zentrum. Statt Free Jazz erklingen Folk, Country und Blues, tief verwurzelt in der Heimat Tennessee. Was zunächst wie ein radikaler Stilbruch wirkt, entpuppt sich schnell als konsequente Weiterentwicklung. Die Intensität, die Amba bislang durch wilde Jazz-Improvisationen ausdrückte, findet nun ihren Weg in klassische Songs.
Raue Schönheit statt makelloser Perfektion
„Eyes Full“ klingt so gar nicht wie ein sorgfältig poliertes Singer-Songwriter-Album. Die Aufnahmen wirken oft roh, beinahe dokumentarisch. Gitarren scheppern, Stimmen brechen weg, klingen schräg und verletzlich, Rhythmen geraten ins Taumeln – doch genau darin liegt die Stärke dieser Platte.
Amba singt nicht, um zu gefallen. Die Stimme kratzt, knarzt und überschlägt sich gelegentlich. Die Songs wirken, als wären sie direkt aus Erinnerungen und Gefühlen herausgeschnitten worden. Immer wieder geht es um Herkunft, Familie, Einsamkeit und die Menschen in den kleinen Städten Tennessees.
Marginalisierte sichtbar machen
Die Tracks erinnern dabei an den Roman „Demon Copperhead“ der US-amerikanischen Schriftstellerin Barbara Kingsolver, die ebenfalls aus den Appalachen stammt. Auch Kingsolver verleiht jenen Menschen eine würdevolle und vielschichtige Stimme, die von der amerikanischen Unterhaltungsindustrie oft als „White Trash“ oder „Rednecks“ verspottet werden. Bereits der Opener „OCD“ setzt den Ton. Der Song erzählt die Geschichte eines Jungen, dessen psychiatrische Diagnose mit Medikamenten behandelt werden soll: „Little boy from Tennessee /Got diagnosed with OCD /For dreaming all the time“. Doch schon bald wird deutlich, dass mit den Medikamenten weit mehr als nur Symptome verschwinden könnten. „Dance with me in the sunshine /Dance with me before they drug our minds“. Dieser nervöse Folk-Track beruht lose auf den Jugenderlebnissen von Ambas Zwillingsbruder, wie Amba kürzlich erklärte.
Die sozialen Wunden der Appalachen
Die darin angedeuteten Gedanken des Openers werden in Songs wie „Southern Soil“ weitergeführt – einem leise kathartischen Stück, getragen von einer schlurfenden Akustikgitarre. Auch hier geht es um Probleme, die soziale und psychologische Ursachen haben, jedoch pharmakologisch beantwortet werden. Im Hintergrund steht die verheerende Opioidkrise der USA, die seit den späten 1990er-Jahren Hunderttausende Todesopfer gefordert hat. Ausgelöst durch die aggressive Vermarktung verschreibungspflichtiger Schmerzmittel wie OxyContin, entwickelte sich eine Massenabhängigkeit, die viele Betroffene schließlich zu Heroin und dem besonders tödlichen synthetischen Opioid Fentanyl führte. Auch ein Thema, das im Roman von Kingsolver eindrücklich verhandelt wird.
Ein liebevoller Blick inmitten des Gitarrenlärms
„Dead End Street“ ist dagegen ein treibender Southern-Rocker, komplett mit Schichten aus Gitarrenlärm. Mit schiefen, sich überschlagenden Vocals wirft Amba einen ebenso authentischen wie liebevollen Blick auf das amerikanische Kleinstadtleben. Der Titeltrack „Eyes Full“ sucht wiederum die Verbindung zu Folk und Country. Die fast spirituelle Atmosphäre macht deutlich, dass es hier nicht einfach um Americana geht, sondern um die Suche nach etwas Größerem: nach Sinn, Verbindung und Trost.
Rau und berührend
Die größte Überraschung von „Eyes Full“ ist vielleicht, wie selbstverständlich Amba den stilistischen Wechsel weg vom Jazz vollzieht. Es wirkt beinahe so, als hätte diese Musik schon immer in den Songs geschlummert. Entstanden ist das Album gemeinsam mit Gitarrist Kevin Hyland und Schlagzeuger Jim White, bekannt durch die australische Band Dirty Three sowie als Musiker an der Seite von PJ Harvey, Bill Callahan und Cat Power. Die Aufnahmen entstanden live und komplett ohne Overdubs – es geht musikalisch einzig und allein um den Moment. Wer makellose Arrangements sucht, wird hier nicht fündig. Doch gerade die Unvollkommenheit macht den Reiz dieser Platte aus. So gerät „Eyes Full“ zu einer bemerkenswert persönlichen Sammlung von Songs zwischen Appalachian Folk, Country-Blues und spiritueller Selbstsuche – ein raues, berührendes und sehr schönes Album.


