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Zoh Amba

ca. 3 Minu­ten

Zoh Amba (geb. 27. April 2000) stammt aus King­sport inmit­ten der Appa­la­chen – einer Region, die auf­grund ihrer tra­di­tio­nel­len, kon­ser­va­tiv-christ­li­chen Prä­gung häu­fig als Bible Belt“ (Bibel­gür­tel) bezeich­net wird. Mit 17 Jah­ren zog die non-binäre Musi­kerin nach San Fran­cisco und spä­ter nach New York. Bekannt wurde Amba als Saxo­pho­nistin mit außer­ge­wöhn­li­cher Inten­si­tät zwi­schen Spi­ri­tual Jazz, Free Jazz und impro­vi­sier­ter Musik. Zu den frü­hen För­de­rern zählte der legen­däre Kom­po­nist John Zorn. Auf des­sen Label Tzadik erschie­nen meh­rere der ers­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen. Dar­über hin­aus unter­stützte Zorn den Auf­bau einer inter­na­tio­na­len Kar­riere in der Impro­vi­sa­ti­ons­szene. Im Laufe der Jahre arbei­tete Amba mit zahl­rei­chen Musiker*innen der expe­ri­men­tel­len Jazz­welt zusam­men und spielte auf renom­mier­ten Fes­ti­vals rund um den Glo­bus. Für das aktu­elle Album Eyes Full“ tritt das Saxo­fon jedoch weit­ge­hend in den Hin­ter­grund. Statt­des­sen steht die Gitarre im Mit­tel­punkt. Aus den oft frei flie­ßen­den Jazz-Exkur­sio­nen wird ein wind­schie­fer Ame­ri­cana-Sound, durch­zo­gen von Folk, Blues, Coun­try und grung­i­gem Noise-Pop. Gemein­sam mit Schlag­zeu­ger Jim White, bekannt durch die Arbeit mit Dirty Three und zahl­rei­chen Inde­pen­dent-Pro­jek­ten, ent­stand ein Album, das die musi­ka­li­schen Wur­zeln der Appa­la­chen mit expe­ri­men­tel­ler Offen­heit verbindet.

Zoh Amba, Eye Full

Zoh Amba

Eyes Full

Ver­öf­fent­licht: 5. Juni 2026
Label: Mata­dor Records

I seen you on the shore
Dreaming of so much more
A life you think you could only see in the sunshine

Text­aus­zug aus Eyes Full”

Die junge Saxophonist*in Zoh Amba über­rascht mit dem neuen Album Eyes Full“ auf gan­zer Linie: Das Saxo­fon tritt weit­ge­hend in den Hin­ter­grund, statt­des­sen rückt die Gitarre ins Zen­trum. Statt Free Jazz erklin­gen Folk, Coun­try und Blues, tief ver­wur­zelt in der Hei­mat Ten­nes­see. Was zunächst wie ein radi­ka­ler Stil­bruch wirkt, ent­puppt sich schnell als kon­se­quente Wei­ter­ent­wick­lung. Die Inten­si­tät, die Amba bis­lang durch wilde Jazz-Impro­vi­sa­tio­nen aus­drückte, fin­det nun ihren Weg in klas­si­sche Songs.

Raue Schönheit statt makelloser Perfektion

Eyes Full“ klingt so gar nicht wie ein sorg­fäl­tig polier­tes Sin­ger-Song­wri­ter-Album. Die Auf­nah­men wir­ken oft roh, bei­nahe doku­men­ta­risch. Gitar­ren schep­pern, Stim­men bre­chen weg, klin­gen schräg und ver­letz­lich, Rhyth­men gera­ten ins Tau­meln – doch genau darin liegt die Stärke die­ser Platte.
Amba singt nicht, um zu gefal­len. Die Stimme kratzt, knarzt und über­schlägt sich gele­gent­lich. Die Songs wir­ken, als wären sie direkt aus Erin­ne­run­gen und Gefüh­len her­aus­ge­schnit­ten wor­den. Immer wie­der geht es um Her­kunft, Fami­lie, Ein­sam­keit und die Men­schen in den klei­nen Städ­ten Tennessees. 

Marginalisierte sichtbar machen

Die Tracks erin­nern dabei an den Roman Demon Cop­per­head“ der US-ame­ri­ka­ni­schen Schrift­stel­le­rin Bar­bara King­sol­ver, die eben­falls aus den Appa­la­chen stammt. Auch King­sol­ver ver­leiht jenen Men­schen eine wür­de­volle und viel­schich­tige Stimme, die von der ame­ri­ka­ni­schen Unter­hal­tungs­in­dus­trie oft als White Trash“ oder Red­necks“ ver­spot­tet wer­den. Bereits der Ope­ner OCD“ setzt den Ton. Der Song erzählt die Geschichte eines Jun­gen, des­sen psych­ia­tri­sche Dia­gnose mit Medi­ka­men­ten behan­delt wer­den soll: Little boy from Ten­nes­see /​Got dia­gno­sed with OCD /​For dre­a­ming all the time“. Doch schon bald wird deut­lich, dass mit den Medi­ka­men­ten weit mehr als nur Sym­ptome ver­schwin­den könn­ten. Dance with me in the suns­hine /​Dance with me before they drug our minds“. Die­ser ner­vöse Folk-Track beruht lose auf den Jugend­er­leb­nis­sen von Ambas Zwil­lings­bru­der, wie Amba kürz­lich erklärte. 

Die sozialen Wunden der Appalachen

Die darin ange­deu­te­ten Gedan­ken des Ope­ners wer­den in Songs wie Sou­thern Soil“ wei­ter­ge­führt – einem leise kathar­ti­schen Stück, getra­gen von einer schlur­fen­den Akus­tik­gi­tarre. Auch hier geht es um Pro­bleme, die soziale und psy­cho­lo­gi­sche Ursa­chen haben, jedoch phar­ma­ko­lo­gisch beant­wor­tet wer­den. Im Hin­ter­grund steht die ver­hee­rende Opio­id­krise der USA, die seit den spä­ten 1990er-Jah­ren Hun­dert­tau­sende Todes­op­fer gefor­dert hat. Aus­ge­löst durch die aggres­sive Ver­mark­tung ver­schrei­bungs­pflich­ti­ger Schmerz­mit­tel wie Oxy­Con­tin, ent­wi­ckelte sich eine Mas­sen­ab­hän­gig­keit, die viele Betrof­fene schließ­lich zu Heroin und dem beson­ders töd­li­chen syn­the­ti­schen Opioid Fen­ta­nyl führte. Auch ein Thema, das im Roman von King­sol­ver ein­drück­lich ver­han­delt wird.

Ein liebevoller Blick inmitten des Gitarrenlärms

Dead End Street“ ist dage­gen ein trei­ben­der Sou­thern-Rocker, kom­plett mit Schich­ten aus Gitar­ren­lärm. Mit schie­fen, sich über­schla­gen­den Vocals wirft Amba einen ebenso authen­ti­schen wie lie­be­vol­len Blick auf das ame­ri­ka­ni­sche Klein­stadt­le­ben. Der Titel­track Eyes Full“ sucht wie­derum die Ver­bin­dung zu Folk und Coun­try. Die fast spi­ri­tu­elle Atmo­sphäre macht deut­lich, dass es hier nicht ein­fach um Ame­ri­cana geht, son­dern um die Suche nach etwas Grö­ße­rem: nach Sinn, Ver­bin­dung und Trost.

Rau und berührend

Die größte Über­ra­schung von Eyes Full“ ist viel­leicht, wie selbst­ver­ständ­lich Amba den sti­lis­ti­schen Wech­sel weg vom Jazz voll­zieht. Es wirkt bei­nahe so, als hätte diese Musik schon immer in den Songs geschlum­mert. Ent­stan­den ist das Album gemein­sam mit Gitar­rist Kevin Hyland und Schlag­zeu­ger Jim White, bekannt durch die aus­tra­li­sche Band Dirty Three sowie als Musi­ker an der Seite von PJ Har­vey, Bill Cal­la­han und Cat Power. Die Auf­nah­men ent­stan­den live und kom­plett ohne Over­dubs – es geht musi­ka­lisch ein­zig und allein um den Moment. Wer makel­lose Arran­ge­ments sucht, wird hier nicht fün­dig. Doch gerade die Unvoll­kom­men­heit macht den Reiz die­ser Platte aus. So gerät Eyes Full“ zu einer bemer­kens­wert per­sön­li­chen Samm­lung von Songs zwi­schen Appa­la­chian Folk, Coun­try-Blues und spi­ri­tu­el­ler Selbst­su­che – ein raues, berüh­ren­des und sehr schö­nes Album.

Toller Song, tolles Video