Neben meinen ausführlichen Reviews finden hier all jene Veröffentlichungen ihren Platz, die mir im Laufe des aktuellen Monats begegnet und hängenblieben sind. Beim Blick auf die Neuerscheinungen im September fielen mir wieder einige Veröffentlichungen besonders auf: Lärm, düsterer Post-Punk, schräge Sounds und Musik, die sich nicht bemühen, einem das erste Hören leicht zu machen. Chat Pile und Gilla Band liefern entsprechend ordentlich Krach, während Arab Strap, Protomartyr und Emma Ruth Rundle die dunkleren Ecken des Monats ausleuchten. Dazwischen gibt es Americana von Mick Harvey & Amanda Acevedo und This Is Lorelei, den melancholischen Beck, die eigenwilligen Songwelten von Bonnie „Prince“ Billy und mit Klein sogar noch einen abgefahrenen Überraschungsgast mit einer Mischung aus Ambient, Noise, Art Pop und einer gewissen Unheimlichkeit.
Culk
Smogstar
Culk haben den düsteren Post-Punk ihrer früheren Platten nicht einfach über Bord geworfen, sondern ordentlich durch den Wolf gedreht. Auf „Smogstar“ klingt das Wiener Quartett rauer, nervöser und deutlich näher an Noise-Rock und Alternative der Neunziger. Was bleibt, ist Sophie Löws knurrender Gesang, der dafür sorgt, dass das Ganze nicht zur Nostalgieveranstaltung verkommt. Es geht um das Gefühl, gleichzeitig mittendrin und völlig verloren zu sein, um Großstadt, Anonymität und die Suche nach irgendeinem Platz im Leben. Besonders schön: Culk klingen hier nicht wie eine Band, die sich noch einmal an ihrer eigenen Vergangenheit abarbeitet, sondern wie eine, die gerade herausfinden will, was als Nächstes kommt. Die Band war gerade mit diesem Album unterwegs. Und sie waren auch im ZAKK in Düsseldorf – ich natürlich auch.
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Label: Siluh Records
Veröffentlicht: 4. September 2026
Genre: Post-Punk, Noise-Rock, Shoegaze
Adult DVD
Adult DVD
Adult DVD kommen aus Leeds haben auf ihrem Debüt offenbar beschlossen, dass man den Untergang der Zivilisation auch tanzend beobachten kann. Ihr selbstbetiteltes Debüt wirft Punk, Indie, Acid House, Electroclash und ziemlich schwarzen Humor in einen Topf, mixt alles kräftig durch und drückt auf Start. Das Ergebnis klingt nach einer Party, die bereits vor Mitternacht aus dem Ruder gelaufen ist. Do As I Please, Coffin Dodger oder Rolling Face bewegen sich irgendwo zwischen Happy Mondays, The Faint und einem übermotivierten Rave-DJ, während die Lyrics zuverlässig Richtung Abgrund texten. Das ist nicht unbedingt Musik für tiefschürfende Kontemplation. Muss es aber auch nicht sein. Manchmal braucht es einfach zwölf Songs, die einem sagen: Irgendwie geht alles den Bach runter – aber jetzt tanz erstmal, gern auch zu „Jesus Christ Superstar”.
Label: Hideous Men Records
Veröffentlicht: 4. September 2026
Genre: Post-Punk, Dance-Punk, Electro
Gurriers
Nobody’s Coming To Save You
Gurriers bleiben laut, wütend und ziemlich angepisst – sind auf ihrem zweiten Album aber hörbar gewachsen. „Nobody’s Coming To Save You“ verbindet gewohnt Post-Punk und Noise mit großen Melodien, etwas Britpop und einer gehörigen Portion Post-Hardcore. Dan Hoffs Stimme pendelt dabei zwischen Sprechgesang, Gebrüll und überraschend melodischen Momenten. Inhaltlich geht es um Überforderung, politische Frustration, Arbeit und Beziehungen und die ziemlich ernüchternde Erkenntnis, dass man nur selbst etwas verändern kann. Interessant ist, dass die Band ihre Wut nicht mehr permanent auf Anschlag fährt. Zwischen den Krachern gibt es ruhigere Momente und sogar so etwas wie Verletzlichkeit. Gurriers sind noch immer laut, wütend und manchmal ziemlich chaotisch. Das macht ihr zweites Album nicht unbedingt zugänglicher, aber deutlich interessanter.
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Label: International Death Cult
Veröffentlicht: 5. September 2026
Genre: Post-Punk, Noise-Rock, Post-Hardcore
Protomartyr
Hotel Usona
Auf ihrem siebten Studioalbum laden Protomartyr ein: in ein heruntergekommenes, abgerocktes Hotel. Jedes Zimmer bekommt einen eigenen Bewohner, und besonders angenehme Gäste sind offenbar nicht eingeladen. Joe Casey führt durch diese ziemlich finstere Herberge, während Greg Ahee und der Rest der Band den Sound deutlich weiter öffnen als auf früheren Platten. Streicher, Bläser, Piano und Dave Fridmanns Produktion sorgen dafür, dass „Hotel Usona“ weniger nach klassischem Detroit-Post-Punk und mehr nach einem fiebrigen, ziemlich großen Rockalbum klingt. Inhaltlich bleibt Casey bei dem, was Protomartyr schon immer gut konnten: gesellschaftlichen Verfall beobachten, ohne dabei den Humor vollständig zu verlieren. Ein Hotel, in dem man besser nicht dauerhaft eincheckt. Ein Album allerdings, das ich immer wieder gerne höre.
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Label: Domino Recording Co.
Veröffentlicht: 5. September 2026
Genre: Post-Punk, Indie Rock, Art Rock
Mick Harvey & Amanda Acevedo
Psychedelia In White
Mick Harvey und Amanda Acevedo tauchen erneut in ihren eigenen psychedelischen Americana-Kosmos ab. „Psychedelia In White“ ist ihr bereits drittes gemeinsames Album und enthält überwiegend Eigenkompositionen, wobei auch hier wieder einige ausgewählte, neu interpretierte Stücke enthalten sind – unter anderem das schöne „Slow-Motion-Movie-Star“, dessen Text von PJ Harvey stammt und das 2007 auf seinem Soloalbum „Two of Diamonds“ erschien. „Psychedelia In White“ bewegt sich experimentell zwischen Mystik, Liebe und Verlust und verbindet wuchernde Gitarren, düstere Americana, Psychedelic Rock und eine gehörige Portion Mythologie. Das kann wunderschön entrückt klingen, rutscht aber auch das ein oder andere Mal in verkitschte Klangteppiche aus Synthies und Streicherarrangements. Ein Album, das man eigentlich lieben möchte, das es einem aber nicht leicht macht.
Label: Siluh Records
Veröffentlicht: 4. September 2026
Genre: Post-Punk, Noise-Rock, Shoegaze
Arab Strap
Half-Told Tales
Arab Strap werden auch nicht jünger. Und statt diese Erkenntnis mit einer gepflegten Altersballade zu verdrängen, machen Aidan Moffat und Malcolm Middleton daraus ein ziemlich bösartiges, ziemlich komisches und manchmal überraschend zärtliches Album. „Half-Told Tales“ handelt von Zeit, Krankheit, Einsamkeit, körperlichem Verfall und dem ziemlich absurden Versuch, bei all dem trotzdem noch Spaß zu haben. Also irgendwie genau das, mit dem ich mich mittlerweile auch beschäftige. Musikalisch wird gewohnt munter gemischt: Elektronik, Post-Rock, Folk, Punk und sogar ein bisschen Glam und Disco liegen ungehemmt nebeneinander. Moffat klingt weiterhin schlecht gelaunt, will aber noch eine Geschichte mehr loswerden. Nur dass diese Geschichten mit zunehmendem Alter immer weniger lustig und dennoch immer komischer werden. Jedenfalls hat die Band immer noch einiges zu erzählen. Ich höre ihr immer noch gerne zu.
Label: Rock Action Records
Veröffentlicht: 11. September 2026
Genre: Post-Punk, Indie Rock, Electronica
Bonnie „Prince“ Billy
Ghosts Of American Psychonauts
Will Oldham braucht eigentlich kein neues Album, um seine Songs wieder neu zu erfinden. Ein Live-Mikrofon und ein paar gute Musiker reichen ihm offenbar völlig. „Ghosts Of American Psychonauts“ wurde 2025 in Los Angeles aufgenommen und versammelt acht Stücke aus Oldhams weit verzweigtem Songkosmos. Besonders auffällig ist die Bläsersektion, die aus einigen ohnehin schon melancholischen Songs plötzlich ziemlich große, manchmal beinahe apokalyptische Momente macht. „Trees Of Hell“ klingt entsprechend wie Americana kurz vor dem Weltuntergang, während „I See A Darkness“ am Ende noch einmal alles auf die ganz große emotionale Ebene hebt. Kein klassisches Livealbum, keine bloße Werkschau, sondern eher eine Neuinterpretation des eigenen Materials. Acht Songs, eine gute halbe Stunde – „Ghosts Of American Psychonauts“ ist ein weiteres packendes Zeugnis dieses seltsam verschrobenen Barden.
Label: Drag City
Veröffentlicht: 11. September 2026
Genre: Americana, Folk, Alternative Country
This Is Lorelei
The Singer In My Band
Nate Amos, Leadgitarrist und Produzent der Indie-Pop-Band Water From Your Eyes, greift auf seinem neuen Soloalbum auf die Tradition des Great American Songbook zurück und besinnt sich auf die Bluegrass-Einflüsse seines Vaters Bob Amos. Entstanden während ausgedehnter Tourneen, taucht er tief in Americana, Country und klassischen Songwriter-Pop ein. Banjo, Akustikgitarren, Country-Rhythmus und familiäre musikalische Unterstützung geben „The Singer In My Band“ eine angenehm altmodische Wärme. Ganz ohne Macken kommt Amos natürlich trotzdem nicht aus. Unter der scheinbaren Einfachheit lauern schräge Figuren, melancholische Geschichten und kleine Brüche. Aus der Ferne lässt Stephin Merritt von The Magnetic Fields grüßen. Auch er versteht die Kunst, ein Lied so aussehen zu lassen, als hätte es schon immer existiert – und dann doch irgendwo eine kleine Schraube locker zu lassen.
Label: Rock Action Records
Veröffentlicht: 11. September 2026
Genre: Post-Punk, Indie Rock, Electronica
Gilla Band
Pugnello
Gilla Band waren schon immer eine Zumutung. „Pugnello“ hebt diese Zumutung jetzt auf ein neues Niveau. Noise-Rock, Industrial, Techno, Post-Punk und Elektronik werden so lange gegeneinander geschoben, bis kaum noch erkennbar ist, welches Instrument hier eigentlich welchen Lärm verursacht. Gitarren klingen wie Maschinen, das Schlagzeug wie ein Angriff und Dara Kiely liefert dazu einen vokalen Bewusstseinsstrom zwischen Schrei, Spoken Word und komplettem Kontrollverlust. Gleichzeitig steckt in dieser Platte erstaunlich viel Struktur. Das Chaos ist keineswegs zufällig, sondern ziemlich genau geplant. Zwischen all dem Krach tauchen plötzlich Groove, Humor und sogar so etwas wie Schönheit auf. „Pugnello“ ist kein Album, das man nebenbei laufen lässt. Es ist eher eines, das den Raum betritt und erst wieder geht, wenn die Lautsprecher um Gnade bitten.
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Label: Rough Trade Records
Veröffentlicht: 12. September 2026
Genre: Noise-Rock, Industrial, Post-Punk
Chat Pile
Who Loves The Sun
Chat Pile waren noch nie besonders gut darin, schlechte Nachrichten freundlich zu verpacken. „Who Loves The Sun“ macht da keine Ausnahme, erweitert den bisherigen Sludge- und Noise-Rock-Kosmos aber um deutlich mehr Melodie, auch wenn sie sich aus dem Lärm nicht klar herausschält. Hier dürfen Gitarren plötzlich auch mal twangen, die Songs werden atmosphärischer und Shouter Raygun Busch muss nicht mehr permanent klingen, als würde ihm gerade jemand die Kehle zuschnüren. Das macht die Platte keineswegs harmlos. Im Gegenteil: Hinter den eingängigeren Strukturen lauern weiterhin soziale Verwahrlosung, Abstumpfung, Gewalt und das Gefühl, in einer Welt zu leben, die langsam auseinanderfällt. Das gefällt sicher nicht jedem, aber ab und zu braucht es ein radikales Gegenmittel und einen unmittelbaren Befreiungsschlag gegen eine Welt, die oft zu leise wegschaut und zu glatt lügt.
Label: The Flenser
Veröffentlicht: 18. September 2026
Genre: Noise-Rock, Sludge, Post-Punk
Beck
Ride Lonesome
Beck macht wieder den traurigen Beck. Und zwar ziemlich konsequent. „Ride Lonesome“ knüpft deutlich an „Sea Change“ und „Morning Phase“ an, holt dafür die alte Mannschaft zurück und lässt Nigel Godrich wieder für den passenden Breitwand-Sound sorgen. Akustische Gitarren, Streicher, Pedal Steel und leicht psychedelische Americana bilden den Rahmen für Songs über Liebe, Verlust und die nicht ganz freiwillige Erkenntnis, dass die Zeit eben doch weiterläuft. Überraschungen sind dabei eher rar. Wer auf den Beck von „Odelay“ oder „Midnite Vultures“ gehofft hat, mag enttäuscht sein. Ich hingegen mag diesen melancholischen Kammer-Folk mit perfekter Produktion – auch wenn er nicht wirklich neu ist.
Label: Capitol Records
Veröffentlicht: 18. September 2026
Genre: Americana, Folk Rock, Singer-Songwriter
Emma Ruth Rundle
These Killing Times
Emma Ruth Rundle hatte auf „Engine Of Hell“ noch reichlich persönlichen Schmerz zu sortieren. Auf „These Killing Times“ richtet sie den Blick stärker nach draußen. Die Welt ist schließlich auch ohne private Tragödien schon ziemlich kaputt. Musikalisch wird es dafür wieder größer: Grunge, Alternative Rock, Doom, Folk und Post-Rock treffen aufeinander, während Gäste wie Nick Reinhart oder Gina Gleason zusätzliche Farbe ins Spiel bringen. Besonders spannend ist, wie Rundle zwischen zerbrechlichen Momenten und großen Gitarrenwänden wechselt. „God’s Picture“ beginnt beinahe zärtlich und wächst langsam zu einem ziemlich gewaltigen Stück Musik an. Die Platte ist düster, aber nicht hoffnungslos. Eher wütend. Und manchmal ist Wut bekanntlich die bessere Energiequelle als Traurigkeit.
Hier eine ausführliche Review
Label: Sargent House
Veröffentlicht: 18. September 2026
Genre: Alternative Rock, Post-Rock, Doom
The Drin
I Lost My Way For Centuries
The Drin aus Cincinnati klingen, als hätte jemand eine Kiste obskurer Post-Punk‑, Kraut- und Psych-Rock-Platten auf dem Dachboden gefunden und daraus etwas Eigenes gebaut. „I Lost My Way For Centuries“ ist mit rund einer Stunde Spielzeit und als Doppelalbum nicht gerade schüchtern dimensioniert, bleibt dabei aber erstaunlich zugänglich. Die Band aus Cincinnati verblüfft mit einer psychedelischen Soundwelt, die von Lo-Fi-Folk, Garage-Psych, Free Jazz, Drone, Krautrock bis zu Avant-Punk reicht. Und das Ganze mit einem reizüberflutenden Gestus auf 23 Tracks, die knapp 75 Minuten füllen. Zum drin Versinken.
Hier eine ausführliche Review
Label: Feel It Records
Veröffentlicht: 18. September 2026
Genre: Post-Punk, Psychedelic Rock, Krautrock
Immersion
What Is Lost Will Return
Colin Newman von Wire und Malka Spigel von Minimal Compact machen als Immersion schon länger Musik, die sich irgendwo zwischen elektronischem Minimalismus, Krautrock, Post-Punk und hypnotischem Groove bewegt. Mit „What Is Lost Will Return“ präsentiert das unermüdlich kreative Duo – das auch privat und künstlerisch ein Paar ist – fünf Songs und drei Instrumentalstücke voller modularer Klangstimmungen und reduzierter elektronischer Psychedelia. Bass, Synthesizer, Gitarren und Percussion schieben sich umeinander, wiederholen sich, verändern sich und finden plötzlich neue Formen. Das klingt weniger nach nostalgischem Rückblick auf irgendwelche alten Post-Punk-Tage als nach einer Band, die ihr eigenes musikalisches Archiv noch einmal auseinandernimmt. Trotz aller elektronischen Kühle steckt erstaunlich viel Wärme darin. Musik zum Versinken – oder für eine nächtliche Autofahrt, bei der die Straße irgendwann wichtiger wird als das Ziel und man noch eine Runde dranhängt.
Label: Swim
Veröffentlicht: 25. September 2026
Genre: Electronica, Post-Punk, Krautrock
Klein
My Own Fairytale
Eine kleine Überraschung zum Monatsende: Klein hat „My Own Fairytale“ am 28. September praktisch aus dem Nichts veröffentlicht. Das Album wird als eine Art düsterer Disney-Soundtrack beschrieben und klingt auch ungefähr so, als hätte sich jemand einen besonders verstörenden Märchenfilm ausgedacht und anschließend vergessen, ihn zu drehen. Spektraler Ambient, dramatische Streicher, klassische Arrangements und Noise-Gitarre stehen nebeneinander, während der Gesang erst später stärker ins Zentrum rückt. Mit Sasha Scott und der London Sinfonietta wird das Ganze stellenweise erstaunlich groß. Gleichzeitig bleibt genug Abseitigkeit übrig, damit es nicht nach klassischem Orchester-Experiment klingt. Ein Album für die dunkle Jahreszeit – und für Menschen, die mit Disney schon immer ein leichtes Problem hatten.
Label: Hyperdub
Veröffentlicht: 28. September 2026
Genre: Experimental, Ambient, Art Pop

