Neuerscheinungen Juni 2026

ca. 11 Minu­ten

Neben mei­nen aus­führ­li­chen Reviews fin­den hier all jene Ver­öf­fent­li­chun­gen ihren Platz, die mir im Laufe des aktu­el­len Monats begeg­net und hän­gen­blie­ben sind. Der Juni zeigt sich dabei erstaun­lich viel­sei­tig. Zahl­rei­che span­nende Alben lan­de­ten in den digi­ta­len wie rea­len Rega­len. Große Namen wie Death Cab For Cutie, Modest Mouse oder Jon Spen­cer tref­fen auf eher Unbe­kannte wie Cosey Muel­ler, BIG|BRAVE oder Micha Acher. Dazu gesellt sich mit dem post­hum ver­öf­fent­lich­ten Pro­jekt von Lee Scratch“ Perry und Mouse on Mars eine der wohl unge­wöhn­lichs­ten Kol­la­bo­ra­tio­nen des Jah­res. Natür­lich erhebt diese Liste wie immer kei­nen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit. Es sind viel­mehr jene Alben, die bei mir eine gewisse Erwar­tung aus­lös­ten und ich sie des­we­gen ange­spielt habe – man­che wegen ihrer Ver­gan­gen­heit, andere wegen ihres Ver­spre­chens auf musi­ka­li­sche Über­ra­schun­gen. Man­che haben meine Erwar­tun­gen erfüllt, andere nur zum Teil. Ich hoffe, es ist auch was für dich dabei.

Cosey Mueller
Embodiment of Denial

Cosey Muel­ler kommt aus Ber­lin und zwar direkt aus dem Ber­lin der 80ger. Oder wie Iggy Pop es in der Anmo­de­ra­tion in sei­ner BBC-Radio­show for­mu­lierte: She looks like Ber­lin, she sounds like Ber­lin.“ Zwi­schen Punk-Gitarre, stoi­schem Drum­com­pu­ter und schnei­den­den Synth-Linien zieht Cosey Muel­ler einen Sound auf, der gleich ver­traut klingt und Erin­ne­run­gen weckt. Vie­les daran ist tanz­bar, man­ches fast hym­nisch, doch unter der Ober­flä­che arbei­tet stän­dig eine Ner­vo­si­tät mit — als würde die Musik die Über­for­de­rung der Gegen­wart mit jedem Takt mit­pro­to­kol­lie­ren. Embo­di­ment of Denial“ ist nicht bloß ein Ver­weis auf Post-Punk, NDW und Indus­trial, son­dern eine gegen­wär­tige Platte mit kla­rer eige­ner Hand­schrift. Die mar­kante Stimme der Ein-Frau-Düs­ter-Elek­tro-Wave-Sen­sa­tion steht dabei klar im Vor­der­grund. Inhalt­lich beschreibt die Künst­le­rin das Kon­zept des Albums als einen Auf­ruf zur Selbst­be­stim­mung und als die Ver­wei­ge­rung („Denial“), sich von äuße­ren Zwän­gen for­men zu las­sen. Es ist das vierte Stu­dio­al­bum der Ber­li­ner Synth-Punk-Künst­le­rin Cosey Muel­ler. Die in Grie­chen­land auf­ge­wach­sene Künst­le­rin schützt ihre wahre Iden­ti­tät und ihr Pri­vat­le­ben streng – wahr­schein­lich ist ihr Künst­ler­name eine bewusste Hom­mage an Cosey Fanni Tutti, die legen­däre Pio­nie­rin der Indus­trial-Musik und Mit­be­grün­de­rin der ein­fluss­rei­chen Bands Throb­bing Gristle und Chris & Cosey. Mül­ler“ ist ein extrem gewöhn­li­cher, deut­scher Nach­name und wird im Punk- und New-Wave-Kon­text oft iro­nisch genutzt. Er mag als Kon­trast zu der avant­gar­dis­ti­schen, düs­te­ren Musik die­nen, um eine Brü­cke zwi­schen radi­ka­ler Sub­kul­tur und spieß­bür­ger­li­cher All­täg­lich­keit zu schla­gen. Egal – tanz die 80ger!

Label: Bret­ford
Ver­öf­fent­licht: 27. Mai 2026
Genre: Post-Punk, New Wave

Zoh Amba
Eyes Full

Mit Eyes Full“ über­rascht Zoh Amba auf gan­zer Linie. Das Saxo­fon, bis­lang Ambas zen­tra­les Aus­drucks­mit­tel, tritt weit­ge­hend in den Hin­ter­grund; statt­des­sen rückt die Gitarre ins Zen­trum. Aus frei flie­ßen­den Jazz-Exkur­sio­nen wird ein wind­schie­fer Ame­ri­cana-Sound zwi­schen Folk, Blues, Coun­try und grung­i­gem Noise-Pop. Was zunächst wie ein radi­ka­ler Stil­bruch wirkt, ent­puppt sich schnell als kon­se­quente Wei­ter­ent­wick­lung: Die Inten­si­tät ihrer Impro­vi­sa­tio­nen fin­det nun ihren Weg in raue, unmit­tel­bare Songs. Eyes Full“ klingt nicht nach makel­los polier­tem Sin­ger-Song­wri­ter-Album. Gitar­ren schep­pern, Stim­men bre­chen weg, Rhyth­men gera­ten ins Tau­meln. Amba singt nicht, um zu gefal­len – immer ein biss­chen schief, ein biss­chen neben dem Beat. Die Songs schöp­fen aus Erin­ne­run­gen, Her­kunft und Ver­letz­lich­keit. Und immer wie­der geht es um Ten­nes­see, Fami­lie, Ein­sam­keit und die Men­schen klei­ner Städte. Der Ope­ner OCD“, lose inspi­riert von Ambas Zwil­lings­bru­der, erzählt von Dia­gnose, Medi­ka­men­ten und der Angst, dass mit den Sym­pto­men auch Träume ver­schwin­den. In Sou­thern Soil“ schwingt die soziale und psy­cho­lo­gi­sche Wucht der ame­ri­ka­ni­schen Opio­id­krise mit; Dead End Street“ wird zum lär­men­den Sou­thern-Rocker, der das Klein­stadt­le­ben lie­be­voll und unge­schönt betrach­tet. Ent­stan­den ist das Album gemein­sam mit Gitar­rist Kevin Hyland und Schlag­zeu­ger Jim White, bekannt unter ande­rem durch Dirty Three und The Hard Quar­tet. Auf­ge­nom­men wurde live, ohne Over­dubs. Gerade diese Unvoll­kom­men­heit macht den Reiz aus: Eyes Full“ist eine per­sön­li­che, spi­ri­tu­ell auf­ge­la­dene Samm­lung zwi­schen Appa­la­chian Folk, Coun­try-Blues und Noise – rau und berüh­rend. Ein­fach klasse!

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Label: Mata­dor Records
Ver­öf­fent­licht: 5. Juni 2026
Genre: Folk, Lo-Fi

Fink (UK)
The City Is Coming To Erase It All

Der bri­ti­sche Song­wri­ter Fin Green­all alias Fink per­fek­tio­niert seit Jah­ren einen Stil, der von sei­ner rau-war­men Stimme und fili­gra­nem Gitar­ren­spiel lebt. Auf The City Is Coming To Erase It All“ zeigt er erneut, wie kraft­voll Reduk­tion sein kann. Folk, Blues und typi­sche Dub-Anklänge ver­schmel­zen zu einem war­men, orga­ni­schen Klang­bild. Schon der Ope­ner Wis­hing For Blue Sky“ setzt den Ton: Hier blickt er auf sein 18-Jäh­ri­gen Ich und sei­nen Erwar­tung zurück – und beschreibt aber zugleich auch von sei­ner Unge­duld als Mitt­fünf­zi­ger. Das aus­ufernde Memo­rise Your Sen­ses“ lässt die Gedan­ken trei­ben, wäh­rend Kee­ping You Awake“ mit sei­nem unter­schwel­li­gen Groove zeigt, wie viel Bewe­gung in schein­bar ruhi­gen Songs ste­cken kann. Gegen Ende wird es mit I Buried All The Ans­wers“ noch ein­mal dunk­ler und nach­denk­li­cher. Nach sie­ben Tracks endet das Album mit einem zar­ten, melan­cho­li­schen Instru­men­tal mit fei­nem Fin­ger­pi­cking. Was die­ses Album so stark macht, ist seine Geschlos­sen­heit. Keine offen­sicht­li­chen Sin­gles, keine über­flüs­si­gen Ver­zie­run­gen – nur brü­chige Inti­mi­tät, feine Groo­ves und diese unver­wech­sel­bare Stimme. Songs, die fes­seln, ohne laut zu sein.

Label: R’Coup’d 
Ver­öf­fent­licht: 5. Juni 2026
Genre: Folk, Indie

Death Cab for Cutie
I Built You A Tower

Seit mehr als zwei Jahr­zehnte feilt Death Cab For Cutie an ihrer Ver­sion von ame­ri­ka­ni­schen Indie-Rock. Ben Gib­bard besitzt nach wie vor das Talent, große Gefühle in kleine Beob­ach­tun­gen zu ver­pa­cken und dar­aus Songs zu for­men, die hän­gen blei­ben. I Built You A Tower“ scheint genau dort anzu­knüp­fen, wo die Band immer am stärks­ten war: bei melan­cho­li­schen Geschich­ten über Ver­lust, Erin­ne­rung und Neu­an­fang. Musi­ka­lisch ver­bin­det das Album die ver­traute Wärme frü­he­rer Ver­öf­fent­li­chun­gen mit einer Reife, die nur durch Erfah­rung ent­ste­hen kann. Statt auf große Ges­ten setzt die Band wie immer auf sub­tile Arran­ge­ments und starke Melo­dien. Ich bin nicht sehr ver­traut mit dem Werk der Band, aber immer, wenn ich sie spiele, fällt mir auf, wie­viel Poten­tial in die­ser For­ma­tion steckt. Und auch nach 20 Jah­ren lie­fert sie ein­mal mehr ein exzel­len­tes Album ab. Ben Gib­bard selbst beschreibt das neue Album als eine Ver­söh­nung mit frü­he­ren Iden­ti­tä­ten“ und erklärt in Anspie­lung auf den Album­ti­tel: Es gibt die­ses Bedürf­nis, einen Ort in uns selbst zu fin­den, an den wir Ver­lust und Trauer able­gen kön­nen. Ein Ort, der das aus­hält, damit wir mit unse­rem Leben wei­ter­ma­chen kön­nen. Aber es gibt diese Momente, in denen das Trauma aus die­ser Hülle aus­bricht.“ Es ist ein Ort, an dem man sich immer mal wie­der zurückzieht.

Label: Anti
Ver­öf­fent­licht: 5. Juni 2026
Genre: Pop, Indie, Psychedelic

Modest Mouse
An Eraser And A Maze

Modest Mouse erschaf­fen eine Klang­welt, die kan­ti­ges Chaos mit ein­dring­li­cher Schön­heit aus­ba­lan­ciert — und machen sie damit zu einer der ein­fluss­reichs­ten Indie-Rock-Bands der letz­ten 30 Jahre. Ihr aktu­el­les, neues Stu­dio­al­bum An Era­ser and a Maze“ knüpft naht­los an ihren frü­hen Klas­si­ker aus den 1990er-Jah­ren an. Zwi­schen ner­vö­sen Gitar­ren­li­nien, über­ra­schen­den Wen­dun­gen und ein­gän­gi­gen Refrains ent­fal­ten sich Songs, die gleich­zei­tig ver­traut und unbe­re­chen­bar wir­ken. Das Album ist düs­ter, inten­siv und emo­tio­nal — ein viel­schich­ti­ges Werk über Ver­gäng­lich­keit, Chaos und Schön­heit, das Modest Mouse ein­mal mehr als prä­gende Größe des Indie-Rock bestä­tigt. Isaac Brock besitzt ein außer­ge­wöhn­li­ches Gespür dafür, aus schein­bar chao­ti­schen Ideen fas­zi­nie­rende Songs ent­ste­hen zu las­sen. Nach dem Tod von Drum­mer Jere­miah Green ist Brock das ein­zig ver­blie­bende Grün­dungs­mit­glied, aber geht den ein­ge­schla­ge­nen Weg der Band wei­ter. Auch wenn die Dring­lich­keit der alten Alben nicht immer erreicht wird, blei­ben sie in ihrer schrul­li­gen, sym­pa­thi­schen Art unerreicht.

Label: Gla­cial Pace
Ver­öf­fent­licht: 5. Juni 2026
Genre: Indie, Psychedelic

Widowspeak
Roses

Widowspeak haben nie den ganz gro­ßen Hype erlebt. Seit fast zwei Jahr­zehn­ten ver­fei­nern Molly Hamil­ton und Robert Earl Tho­mas ihren unver­wech­sel­ba­ren Mix aus Dream-Pop, Ame­ri­cana und Indie-Rock, ohne dabei modi­schen Trends hin­ter­her­zu­lau­fen. Das inzwi­schen siebte Album des Duos macht genau da wei­ter. Die Gitarre agiert gerne mit einer leich­ten Ver­raucht­heit und Vel­vet Under­ground-Anklän­gen und doch bewegt das New Yor­ker Ehe­paar in einer Art Sla­cker-Folk-Welt mit Indie­ap­peal. Die zehn Songs krei­sen um Liebe, Erin­ne­rung und die klei­nen Momente des All­tags – nicht als große Dra­men, son­dern als stille Beob­ach­tun­gen. Roses“ ist kein Album, das laut um Auf­merk­sam­keit bit­tet. Es ent­fal­tet seine Wir­kung lang­sam, bei­nahe unbe­merkt, und gewinnt mit jedem Durch­lauf an Tiefe. Vie­les erin­nert musi­ka­lisch an Mazzy Star. Es ist viel­leicht kein spek­ta­ku­lä­res Meis­ter­werk, aber genau die Art von Album, zu der man immer wie­der zurückkehrt. 

Label: Cap­ture Tracks
Ver­öf­fent­licht: 5. Juni 2026
Genre: Indie-Rock, Folk, Psychedelic

Lee Scratch“ Perry & Mouse on Mars
Spatial, No Problem

Als sich der Dub-Pio­nier Lee Scratch“ Perry und das Elek­tro-Duo Mouse on Mars zu ihrer Kol­la­bo­ra­tion tra­fen, frag­ten die Musi­ker zunächst, ob er mit Spa­tial Audio ver­traut sei. Seine Ant­wort: Spa­tial? No pro­blem.“ Ein Album­ti­tel war damit schon vor­han­den. Fünf Jahre nach sei­nem Tod des gro­ßen Sound-Alche­mis­ten erschei­nen die Auf­nah­men aus Ber­li­ner Para­verse Stu­dio von Mouse on Mars als Ergeb­nis die­ser kur­zen Ses­sion. Spa­tial, No Pro­blem“ ist ein Album, das Per­rys unver­wech­sel­bare Stimme und Vision mit den futu­ris­ti­schen Klang­ex­pe­ri­men­ten des deut­schen Elek­tro­nik-Duos kon­ge­nial ver­bin­det. Moto­rik­beats, Syn­thie­wol­ken, Sound­ef­fekt­ko­me­ten und stot­ternde Groo­ves trei­ben Per­rys Stimme voran. Er mur­melt, sprech­singt, croont und raunt in schöns­ter dada­is­ti­scher Sprach­akro­ba­tik. Mouse On Mars unter­lau­fen dabei jede Erwar­tung: Aus Dub, Techno, Jazz­spu­ren und elek­tro­ni­scher Magie ent­steht ein tol­les, hybri­des Album – und es ist eine echte Berei­che­rung mei­ner Playlists.

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Label: Domino
Ver­öf­fent­licht: 5. Juni 2026
Genre: Ambi­ent, Kraut, Dub

Die Behörde
Der letzte Arbeitgeber

2026 fei­ert der Punk sei­nen 50. Geburts­tag. Ein hal­bes Jahr­hun­dert alt – und noch immer nicht tot­zu­krie­gen. Über­all ent­ste­hen neue Bands, auch in Bre­men. Die Behörde kommt aus der nord­deut­sche Han­se­stadt, Der letzte Arbeit­ge­ber“ heißt ihr Debüt. Und wie es sich Punk­bands gehört, arbei­tet sich das Quin­tett an Leis­tungs­druck, Büro­all­tag und gesell­schaft­li­cher Ent­frem­dung ab – das Stan­dard­re­per­toire deutsch­spra­chi­ger Punk- und Indie­bands. Musi­ka­lisch setzt die Band auf kan­tige Gitar­ren, kalte Syn­the­si­zer und einen per­ma­nen­ten Vor­wärts­drang. Das ent­wi­ckelt Druck, nutzt sich über die Album­länge aber auch ein wenig ab. Vor allem hört man die­sem Album jeder­zeit an, wo es her­kommt. Der letzte Arbeit­ge­ber“ ist Deutsch­punk durch und durch: direkt, pla­ka­tiv, schwer ange­pisst und fest in den Tra­di­tio­nen des Gen­res ver­an­kert. Das hat durch­aus Charme – Über­ra­schun­gen: Fehl­an­zei­gen. Wer nach neuen Ideen oder unge­wohn­ten Per­spek­ti­ven sucht, wird hier kaum fün­dig. Trotz­dem besitzt das Debüt eine Qua­li­tät, die vie­len deut­lich ambi­tio­nier­te­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen abgeht: Über­zeu­gungs­kraft. Die Behörde klingt nie kal­ku­liert, nie geschnie­gelt und nie so, als hätte jemand die aktu­elle Deutsch­punk-Check­liste abge­ar­bei­tet. Die Band meint, was sie spielt – und das hört man. So bleibt Der letzte Arbeit­ge­ber“ ein Album, das mehr durch Hal­tung als durch Ori­gi­na­li­tät über­zeugt. Kein gro­ßer Wurf, kein neues Kapi­tel für den Punk, aber ein fet­tes Zei­chen dafür, dass der DIY-Laden Punk immer noch geöff­net hat. Und das ist doch eine ver­dammt gute Nachricht.

Label: Flight 13
Ver­öf­fent­licht: 12. Juni 2026
Genre: Punk, New Wave

Micha Acher
Henry And The Ghosts Songbook

Als Mit­glied von The Notwist, Hoch­zeits­ka­pelle und zahl­lo­sen wei­te­ren Pro­jek­ten müsste Micha Acher eigent­lich genü­gend musik­lai­schen Spiel­raum haben, aber der seit Jah­ren zu den krea­tivs­ten Köp­fen der deut­schen Inde­pen­dent-Szene zäh­lende Musi­ker sucht nach neuen musi­ka­li­schen Ideen, die sich außer­halb des in klas­si­schen Band­kon­tex­tes bewe­gen. So legt er nun mit Henry And The Ghosts Song­book“ ein wun­der­schö­nes, unauf­ge­reg­tes Solo­de­büt vor, das mit sei­ner Reise durch Folk, Kam­mer­mu­sik, Jazz und expe­ri­men­telle Klang­wel­ten besticht. Auf die­sem Album erkun­det er, wie Kom­po­si­tio­nen für Bands wie Tied & Tick­led Trio und Ms. John Soda aus frü­he­ren Jah­ren heute in einer kam­mer­mu­si­ka­li­schen Instru­men­tie­rung klin­gen. Dazu traf er sich im Som­mer 2022 mit The­resa Loibl (Bass­kla­ri­nette, Kla­vier), Timm Cor­ne­lius (Fagott), Mar­kus Rom (Gitarre, Banjo, Elek­tro­nik) und Simon Popp (Schlag­zeug, Per­cus­sion) in sei­nem Wohn­zim­mer zu einer zwei­tä­gi­gen musi­ka­li­schen Séance – ange­rei­chert um ein­dring­li­che elek­tro­ni­sche Sounds wurde die Auf­nahme von Mar­kus Rom. So ent­stan­den zumeist melan­cho­li­sche Track mit Wur­zeln in Pop, Folk, Jazz und klas­si­scher Musik. Man hört sich das Album gerne auch wie­der­holt an, es ent­fal­tet dabei eine bemer­kens­werte Tiefe, in der man mit jedem Durch­lauf neue Details ent­deckt. Unbe­dingt empfehlenswert.

Label: Alien Tran­sis­tor
Ver­öf­fent­licht: 12. Juni 2026
Genre: Post-Rock, Folk, Klassik

BIG | BRAVE
In Grief Or In Hope

BIG|BRAVE gehö­ren zu den weni­gen Bands, die sich kon­se­quent jeder Erwar­tungs­hal­tung ent­zie­hen. Das kana­di­sche Trio bewegt sich seit Jah­ren zwi­schen Drone, Doom, Folk und expe­ri­men­tel­ler Klang­kunst und erschafft Musik, die weni­ger aus klas­si­schen Songs als aus Atmo­sphä­ren besteht. Bereits der Titel In Grief Or In Hope“ deu­tet die emo­tio­nale Spann­weite des Albums an. Die Stü­cke ent­wi­ckeln sich lang­sam, las­sen viel Raum für Stille und ent­fal­ten ihre Wir­kung oft erst nach meh­re­ren Durch­läu­fen. Genau darin liegt jedoch ihre beson­dere Kraft. BIG|BRAVE ver­lan­gen Auf­merk­sam­keit und Geduld, beloh­nen diese aber mit einer Inten­si­tät, die weit über gewöhn­li­che Gen­re­gren­zen hin­aus­geht. Wer Musik nicht nur hören, son­dern erle­ben möchte, dürfte hier eines der ein­drucks­volls­ten Alben des Monats finden.

Mehr über BIGBRAVE

Label: Thrill Jockey
Ver­öf­fent­licht: 12. Juni 2026
Genre: Indie­rock, Noise

The Bobby Lees
New Self

The Bobby Lees steht seit Jah­ren für eine wilde Mischung aus Garage Rock, Punk und einer gehö­ri­gen Por­tion Chaos. Nach einer län­ge­ren Tour 2023 hatte Quar­tett aus Wood­stock eine län­gere Pause ver­ord­net, jetzt kehrt die Band als Trio zurück und wagen einen Neu­an­fang. Auf New Self“ wirkt die Band jedoch fokus­sier­ter als je zuvor. Die Ener­gie bleibt unge­bro­chen, doch zwi­schen den ver­zerr­ten Gitar­ren und dem unge­stü­men Vor­wärts­drang blit­zen immer wie­der über­ra­schend ein­gän­gige Melo­dien auf. Sän­ge­rin Sam Quar­tin ver­leiht den Songs dabei jene Mischung aus Wut, Ver­letz­lich­keit und Selbst­be­wusst­sein, die das Mate­rial weit über gewöhn­li­che Punk-Kli­schees hin­aus­hebt. Das Album mar­kiert eine ein­drucks­volle Rück­kehr. The Bobby Lees haben sich nach schwie­ri­gen Jah­ren hör­bar wei­ter­ent­wi­ckelt, ohne ihre Iden­ti­tät auf­zu­ge­ben. Wenn du Musik bevor­zugst, die lie­ber roh und rot­zig ist als poliert und glatt, soll­test du ein­mal in die­ses Album rein­hö­ren – du wirst es lieben.

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Label: Epi­taph
Ver­öf­fent­licht: 12. Juni 2026
Genre: Punk, Garage

Jon Spencer
Songs Of Personal Loss And Protest

Jon Spen­cer ist inzwi­schen längst eine Insti­tu­tion des ame­ri­ka­ni­schen Under­grounds. Ob mit der Blues Explo­sion oder sei­nen zahl­rei­chen Neben­pro­jek­ten – seine Musik ist stets geprägt von Ener­gie, Hal­tung und einer gehö­ri­gen Por­tion Rock’n’Roll. Songs Of Per­so­nal Loss And Pro­test“ ver­bin­det nun per­sön­li­che The­men mit gesell­schaft­li­cher Beob­ach­tung und scheint damit erstaun­lich gut in die Gegen­wart zu pas­sen. Musi­ka­lisch darf man erneut eine Mischung aus Garage Rock, Blues, Punk und 60s Vibes erwar­ten. Dabei klingt Spen­cer auch mit über sech­zig Jah­ren noch äußerst vital, auch wenn sich die Rezep­tur sei­nes Sounds seit Jah­ren kaum ver­än­dert hat. Mit den The Bobby Lees (s.o.) Musi­kern Kend­all Wind und Spi­der Bow­men – mit denen der Prot­ago­nist schon län­ger als Pro­du­zent und Mit­spie­ler ver­bun­den ist – wur­den 12 Songs auf­ge­nom­men, in denen die umstürz­le­ri­sche Ener­gie des Rock’n’Roll inmit­ten schwin­den­der libe­ra­ler Werte beschwo­ren wird. Bei aller Bere­chen­bar­keit sei­nes neuen Out­puts – ich stehe auf die­sen Sound. Ich habe das Trio live im Bumann gese­hen. Es war eine hals­bre­che­ri­sche, unge­schlif­fen Show mit viel Punk-Drive und einem gro­ßen Blues-Herz.

Label: Sho­vel /​Bron­ze­rat
Ver­öf­fent­licht: 12. Juni 2026
Genre: Garage, 60s, Psychedelic

MONO
Snowdrop

Ele­gi­scher Post­rock aus Japan: Seit über zwan­zig Jah­ren gehö­ren MONO zu den wich­tigs­ten Ver­tre­tern des Post-Rock. Sie erschaf­fen Klang­land­schaf­ten, die glei­cher­ma­ßen monu­men­tal und emo­tio­nal wir­ken. Der lang­jäh­rige Pro­duk­ti­ons­part­ner und Freund Steve Albini war zu einem grund­le­gen­den Bestand­teil des unver­wech­sel­ba­ren MONO-Sounds gewor­den. Nach sei­nem Tod über­nahm Brad Wood, ein enger Freund Albi­nis, die Pro­duk­tion. Im legen­dä­ren Elec­tri­cal Audio Stu­dio, in dem viele MONO-Alben ent­stan­den, nah­men die Musi­ker gemein­sam mit dem Diri­gen­ten Chad McCull­ough, einem zehn­köp­fi­gen Orches­ter und einem acht­köp­fi­gen Chor acht monu­men­tale Stü­cke auf. Alle Tracks sind nach Blu­men benannt; Mono nutzt diese Sym­bo­lik, um die zen­tra­len The­men wie Ver­lust und Abschied, Hoff­nung und Trost zu ver­sinn­bild­li­chen. Zwi­schen stil­len Pas­sa­gen, orches­tra­ler Weite und gewal­ti­gen Stei­ge­run­gen erzählt MONO eher Geschich­ten als klas­si­sche Songs. Manch­mal kippt das Pathos ins Große, doch wer sin­fo­ni­schen Rock im Breit­wand­for­mat und God­speed You! Black Emperor mag, sollte reinhören.

Label: Tem­po­rary Resi­dence Ltd.
Ver­öf­fent­licht: 12. Juni 2026
Genre: Post-Rock, Ambient

Lost in Kyiv
We’re All Going To Be Fine

Mit We’re All Going To Be Fine“ mar­kiert die fran­zö­si­sche Post-Rock-Band Lost In Kyiv einen spür­ba­ren Ein­schnitt in der eige­nen Band­ge­schichte. Die Schreib­weise ver­weist nun aus Respekt zu der unter Beschuss ste­hen­den Ukraine auf die ukrai­ni­sche Schreib­weise von Kyiv und auch musi­ka­lisch wirkt das fünfte Album wie ein kon­zen­trier­ter Neu­start: tie­fer gestimmte Gitar­ren, ein neuer Schlag­zeu­ger und mehr phy­si­sche Wucht ver­dich­ten den bekann­ten Post-Rock-/Me­tal-Sound der Band. Ihr Sound hat schon immer von der Span­nung zwi­schen dem Orga­ni­schen und dem Syn­the­ti­schen gelebt. Auf We’re All Going To Be Fine“ erreicht diese Ver­schmel­zung ein neues Maß: weite Klang­räume, gedul­dig auf­ge­baute Span­nungs­bö­gen und fil­mi­sche Atmo­sphäre, Jéré­mie Legrands prä­gnan­tes Drum­ming geben den Songs mehr Boden­haf­tung. Eben­falls wich­ti­ger Bestand­teil: die Elek­tro­nik. Syn­ths, Loops und elek­tro­ni­schen Tex­tu­ren grei­fen tief in die Songar­chi­tek­tur ein. Von Burst“ über Man­tra“ bis zum aus­ge­dehn­ten Eupho­ria“ zeigt das Album eine klare Dra­ma­tur­gie zwi­schen Schwere, Bewe­gung und Nach­hall. Auf Beco­ming“ setzt mit Rebecca Need-Mene­ars Stimme auf die­sem Instru­men­tal-Album einen wir­kungs­vol­len Akzent. Mit We’re All Going To Be Fine“ klin­gen Lost In Kyiv schwe­rer, kom­pak­ter und unmit­tel­ba­rer als auf frü­he­ren Auf­nah­men. Über 41 Minu­ten tas­tet sich das vor Welt­schmerz vibrie­rende Album an die Span­nung zwi­schen Hoff­nung und Erschöp­fung, Härte und Ver­letz­lich­keit, syn­the­ti­sche Kühle und mensch­li­che Unruhe heran – und fol­ge­rich­tig steht gegen Ende ein Sam­ple von Carl Gus­tav Jung. So ent­steht kein über­wäl­ti­gen­des, son­dern ein tra­gen­des Album – inten­siv und überzeugend.

Label: Pela­gic Records
Ver­öf­fent­licht: 19. Juni 2026
Genre: Post-Rock, Post-Meta

Dead Pioneers
Wagon Burner

Mit Wagon Bur­ner“ schla­gen Dead Pio­neers ein neues Kapi­tel auf. Die poli­ti­sche Wut, die die Band um Gregg Deal seit ihrem Debüt antreibt, ist wei­ter­hin all­ge­gen­wär­tig, doch musi­ka­lisch öff­net sich die Gruppe stär­ker als je zuvor. Neben den gewohnt bis­si­gen Punk- und Hard­core-Atta­cken fin­den sich erst­mals deut­lich mehr Melo­die, Atmo­sphäre und ein­gän­gige Refrains. Beson­ders Nazi Teeth“ über­zeugt als kom­pro­miss­lose anti­fa­schis­ti­sche Kampf­an­sage, wäh­rend No Kings“ den Wider­stand gegen auto­ri­täre Struk­tu­ren zum mit­rei­ßen­den Punk-Mani­fest macht. Die größte Über­ra­schung ist jedoch Never Alone“, eine Kol­la­bo­ra­tion mit The Inter­rup­t­ers. Der Song setzt auf Gemein­schaft statt Kon­fron­ta­tion und zeigt eine bei­nahe pop­pige Seite der Band, ohne ihre Glaub­wür­dig­keit zu gefähr­den. Auch das düs­tere The Worst Among Us“ mit Jason Wil­liam­son von Sleaford Mods erwei­tert das Klang­spek­trum spür­bar. Die Songs besit­zen wei­ter­hin die rohe Ener­gie frü­he­rer Ver­öf­fent­li­chun­gen, wir­ken aber durch die stär­kere Beto­nung von Hooks und Dyna­mik zugäng­li­cher. Viel­leicht sitzt nicht jede sti­lis­ti­sche Erwei­te­rung per­fekt, aber ins­ge­samt gelingt Dead Pio­neers jedoch der Spa­gat zwi­schen Wei­ter­ent­wick­lung und Hal­tung. Ein wüten­des und über­ra­schend ein­gän­gi­ges Pun­k­al­bum, das zeigt, dass poli­ti­sche Musik auch 2026 noch rele­vant und auf­re­gend sein kann. Hör mal rein.

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Label: Hassle
Ver­öf­fent­licht: 26. Juni 2026
Genre: Punk