Neben meinen ausführlichen Reviews finden hier all jene Veröffentlichungen ihren Platz, die mir im Laufe des aktuellen Monats begegnet und hängenblieben sind. Der Juni zeigt sich dabei erstaunlich vielseitig. Zahlreiche spannende Alben landeten in den digitalen wie realen Regalen. Große Namen wie Death Cab For Cutie, Modest Mouse oder Jon Spencer treffen auf eher Unbekannte wie Cosey Mueller, BIG|BRAVE oder Micha Acher. Dazu gesellt sich mit dem posthum veröffentlichten Projekt von Lee „Scratch“ Perry und Mouse on Mars eine der wohl ungewöhnlichsten Kollaborationen des Jahres. Natürlich erhebt diese Liste wie immer keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es sind vielmehr jene Alben, die bei mir eine gewisse Erwartung auslösten und ich sie deswegen angespielt habe – manche wegen ihrer Vergangenheit, andere wegen ihres Versprechens auf musikalische Überraschungen. Manche haben meine Erwartungen erfüllt, andere nur zum Teil. Ich hoffe, es ist auch was für dich dabei.
Cosey Mueller
Embodiment of Denial
Cosey Mueller kommt aus Berlin und zwar direkt aus dem Berlin der 80ger. Oder wie Iggy Pop es in der Anmoderation in seiner BBC-Radioshow formulierte: „She looks like Berlin, she sounds like Berlin.“ Zwischen Punk-Gitarre, stoischem Drumcomputer und schneidenden Synth-Linien zieht Cosey Mueller einen Sound auf, der gleich vertraut klingt und Erinnerungen weckt. Vieles daran ist tanzbar, manches fast hymnisch, doch unter der Oberfläche arbeitet ständig eine Nervosität mit — als würde die Musik die Überforderung der Gegenwart mit jedem Takt mitprotokollieren. „Embodiment of Denial“ ist nicht bloß ein Verweis auf Post-Punk, NDW und Industrial, sondern eine gegenwärtige Platte mit klarer eigener Handschrift. Die markante Stimme der Ein-Frau-Düster-Elektro-Wave-Sensation steht dabei klar im Vordergrund. Inhaltlich beschreibt die Künstlerin das Konzept des Albums als einen Aufruf zur Selbstbestimmung und als die Verweigerung („Denial“), sich von äußeren Zwängen formen zu lassen. Es ist das vierte Studioalbum der Berliner Synth-Punk-Künstlerin Cosey Mueller. Die in Griechenland aufgewachsene Künstlerin schützt ihre wahre Identität und ihr Privatleben streng – wahrscheinlich ist ihr Künstlername eine bewusste Hommage an Cosey Fanni Tutti, die legendäre Pionierin der Industrial-Musik und Mitbegründerin der einflussreichen Bands Throbbing Gristle und Chris & Cosey. „Müller“ ist ein extrem gewöhnlicher, deutscher Nachname und wird im Punk- und New-Wave-Kontext oft ironisch genutzt. Er mag als Kontrast zu der avantgardistischen, düsteren Musik dienen, um eine Brücke zwischen radikaler Subkultur und spießbürgerlicher Alltäglichkeit zu schlagen. Egal – tanz die 80ger!
Label: Bretford
Veröffentlicht: 27. Mai 2026
Genre: Post-Punk, New Wave
Zoh Amba
Eyes Full
Mit „Eyes Full“ überrascht Zoh Amba auf ganzer Linie. Das Saxofon, bislang Ambas zentrales Ausdrucksmittel, tritt weitgehend in den Hintergrund; stattdessen rückt die Gitarre ins Zentrum. Aus frei fließenden Jazz-Exkursionen wird ein windschiefer Americana-Sound zwischen Folk, Blues, Country und grungigem Noise-Pop. Was zunächst wie ein radikaler Stilbruch wirkt, entpuppt sich schnell als konsequente Weiterentwicklung: Die Intensität ihrer Improvisationen findet nun ihren Weg in raue, unmittelbare Songs. „Eyes Full“ klingt nicht nach makellos poliertem Singer-Songwriter-Album. Gitarren scheppern, Stimmen brechen weg, Rhythmen geraten ins Taumeln. Amba singt nicht, um zu gefallen – immer ein bisschen schief, ein bisschen neben dem Beat. Die Songs schöpfen aus Erinnerungen, Herkunft und Verletzlichkeit. Und immer wieder geht es um Tennessee, Familie, Einsamkeit und die Menschen kleiner Städte. Der Opener „OCD“, lose inspiriert von Ambas Zwillingsbruder, erzählt von Diagnose, Medikamenten und der Angst, dass mit den Symptomen auch Träume verschwinden. In „Southern Soil“ schwingt die soziale und psychologische Wucht der amerikanischen Opioidkrise mit; „Dead End Street“ wird zum lärmenden Southern-Rocker, der das Kleinstadtleben liebevoll und ungeschönt betrachtet. Entstanden ist das Album gemeinsam mit Gitarrist Kevin Hyland und Schlagzeuger Jim White, bekannt unter anderem durch Dirty Three und The Hard Quartet. Aufgenommen wurde live, ohne Overdubs. Gerade diese Unvollkommenheit macht den Reiz aus: „Eyes Full“ist eine persönliche, spirituell aufgeladene Sammlung zwischen Appalachian Folk, Country-Blues und Noise – rau und berührend. Einfach klasse!
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Label: Matador Records
Veröffentlicht: 5. Juni 2026
Genre: Folk, Lo-Fi
Fink (UK)
The City Is Coming To Erase It All
Der britische Songwriter Fin Greenall alias Fink perfektioniert seit Jahren einen Stil, der von seiner rau-warmen Stimme und filigranem Gitarrenspiel lebt. Auf „The City Is Coming To Erase It All“ zeigt er erneut, wie kraftvoll Reduktion sein kann. Folk, Blues und typische Dub-Anklänge verschmelzen zu einem warmen, organischen Klangbild. Schon der Opener „Wishing For Blue Sky“ setzt den Ton: Hier blickt er auf sein 18-Jährigen Ich und seinen Erwartung zurück – und beschreibt aber zugleich auch von seiner Ungeduld als Mittfünfziger. Das ausufernde „Memorise Your Senses“ lässt die Gedanken treiben, während „Keeping You Awake“ mit seinem unterschwelligen Groove zeigt, wie viel Bewegung in scheinbar ruhigen Songs stecken kann. Gegen Ende wird es mit „I Buried All The Answers“ noch einmal dunkler und nachdenklicher. Nach sieben Tracks endet das Album mit einem zarten, melancholischen Instrumental mit feinem Fingerpicking. Was dieses Album so stark macht, ist seine Geschlossenheit. Keine offensichtlichen Singles, keine überflüssigen Verzierungen – nur brüchige Intimität, feine Grooves und diese unverwechselbare Stimme. Songs, die fesseln, ohne laut zu sein.
Label: R’Coup’d
Veröffentlicht: 5. Juni 2026
Genre: Folk, Indie
Death Cab for Cutie
I Built You A Tower
Seit mehr als zwei Jahrzehnte feilt Death Cab For Cutie an ihrer Version von amerikanischen Indie-Rock. Ben Gibbard besitzt nach wie vor das Talent, große Gefühle in kleine Beobachtungen zu verpacken und daraus Songs zu formen, die hängen bleiben. „I Built You A Tower“ scheint genau dort anzuknüpfen, wo die Band immer am stärksten war: bei melancholischen Geschichten über Verlust, Erinnerung und Neuanfang. Musikalisch verbindet das Album die vertraute Wärme früherer Veröffentlichungen mit einer Reife, die nur durch Erfahrung entstehen kann. Statt auf große Gesten setzt die Band wie immer auf subtile Arrangements und starke Melodien. Ich bin nicht sehr vertraut mit dem Werk der Band, aber immer, wenn ich sie spiele, fällt mir auf, wieviel Potential in dieser Formation steckt. Und auch nach 20 Jahren liefert sie einmal mehr ein exzellentes Album ab. Ben Gibbard selbst beschreibt das neue Album als eine „Versöhnung mit früheren Identitäten“ und erklärt in Anspielung auf den Albumtitel: „Es gibt dieses Bedürfnis, einen Ort in uns selbst zu finden, an den wir Verlust und Trauer ablegen können. Ein Ort, der das aushält, damit wir mit unserem Leben weitermachen können. Aber es gibt diese Momente, in denen das Trauma aus dieser Hülle ausbricht.“ Es ist ein Ort, an dem man sich immer mal wieder zurückzieht.
Label: Anti
Veröffentlicht: 5. Juni 2026
Genre: Pop, Indie, Psychedelic
Modest Mouse
An Eraser And A Maze
Modest Mouse erschaffen eine Klangwelt, die kantiges Chaos mit eindringlicher Schönheit ausbalanciert — und machen sie damit zu einer der einflussreichsten Indie-Rock-Bands der letzten 30 Jahre. Ihr aktuelles, neues Studioalbum „An Eraser and a Maze“ knüpft nahtlos an ihren frühen Klassiker aus den 1990er-Jahren an. Zwischen nervösen Gitarrenlinien, überraschenden Wendungen und eingängigen Refrains entfalten sich Songs, die gleichzeitig vertraut und unberechenbar wirken. Das Album ist düster, intensiv und emotional — ein vielschichtiges Werk über Vergänglichkeit, Chaos und Schönheit, das Modest Mouse einmal mehr als prägende Größe des Indie-Rock bestätigt. Isaac Brock besitzt ein außergewöhnliches Gespür dafür, aus scheinbar chaotischen Ideen faszinierende Songs entstehen zu lassen. Nach dem Tod von Drummer Jeremiah Green ist Brock das einzig verbliebende Gründungsmitglied, aber geht den eingeschlagenen Weg der Band weiter. Auch wenn die Dringlichkeit der alten Alben nicht immer erreicht wird, bleiben sie in ihrer schrulligen, sympathischen Art unerreicht.
Label: Glacial Pace
Veröffentlicht: 5. Juni 2026
Genre: Indie, Psychedelic
Widowspeak
Roses
Widowspeak haben nie den ganz großen Hype erlebt. Seit fast zwei Jahrzehnten verfeinern Molly Hamilton und Robert Earl Thomas ihren unverwechselbaren Mix aus Dream-Pop, Americana und Indie-Rock, ohne dabei modischen Trends hinterherzulaufen. Das inzwischen siebte Album des Duos macht genau da weiter. Die Gitarre agiert gerne mit einer leichten Verrauchtheit und Velvet Underground-Anklängen und doch bewegt das New Yorker Ehepaar in einer Art Slacker-Folk-Welt mit Indieappeal. Die zehn Songs kreisen um Liebe, Erinnerung und die kleinen Momente des Alltags – nicht als große Dramen, sondern als stille Beobachtungen. „Roses“ ist kein Album, das laut um Aufmerksamkeit bittet. Es entfaltet seine Wirkung langsam, beinahe unbemerkt, und gewinnt mit jedem Durchlauf an Tiefe. Vieles erinnert musikalisch an Mazzy Star. Es ist vielleicht kein spektakuläres Meisterwerk, aber genau die Art von Album, zu der man immer wieder zurückkehrt.
Label: Capture Tracks
Veröffentlicht: 5. Juni 2026
Genre: Indie-Rock, Folk, Psychedelic
Lee „Scratch“ Perry & Mouse on Mars
Spatial, No Problem
Als sich der Dub-Pionier Lee „Scratch“ Perry und das Elektro-Duo Mouse on Mars zu ihrer Kollaboration trafen, fragten die Musiker zunächst, ob er mit Spatial Audio vertraut sei. Seine Antwort: „Spatial? No problem.“ Ein Albumtitel war damit schon vorhanden. Fünf Jahre nach seinem Tod des großen Sound-Alchemisten erscheinen die Aufnahmen aus Berliner Paraverse Studio von Mouse on Mars als Ergebnis dieser kurzen Session. „Spatial, No Problem“ ist ein Album, das Perrys unverwechselbare Stimme und Vision mit den futuristischen Klangexperimenten des deutschen Elektronik-Duos kongenial verbindet. Motorikbeats, Synthiewolken, Soundeffektkometen und stotternde Grooves treiben Perrys Stimme voran. Er murmelt, sprechsingt, croont und raunt in schönster dadaistischer Sprachakrobatik. Mouse On Mars unterlaufen dabei jede Erwartung: Aus Dub, Techno, Jazzspuren und elektronischer Magie entsteht ein tolles, hybrides Album – und es ist eine echte Bereicherung meiner Playlists.
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Label: Domino
Veröffentlicht: 5. Juni 2026
Genre: Ambient, Kraut, Dub
Die Behörde
Der letzte Arbeitgeber
2026 feiert der Punk seinen 50. Geburtstag. Ein halbes Jahrhundert alt – und noch immer nicht totzukriegen. Überall entstehen neue Bands, auch in Bremen. Die Behörde kommt aus der norddeutsche Hansestadt, „Der letzte Arbeitgeber“ heißt ihr Debüt. Und wie es sich Punkbands gehört, arbeitet sich das Quintett an Leistungsdruck, Büroalltag und gesellschaftlicher Entfremdung ab – das Standardrepertoire deutschsprachiger Punk- und Indiebands. Musikalisch setzt die Band auf kantige Gitarren, kalte Synthesizer und einen permanenten Vorwärtsdrang. Das entwickelt Druck, nutzt sich über die Albumlänge aber auch ein wenig ab. Vor allem hört man diesem Album jederzeit an, wo es herkommt. „Der letzte Arbeitgeber“ ist Deutschpunk durch und durch: direkt, plakativ, schwer angepisst und fest in den Traditionen des Genres verankert. Das hat durchaus Charme – Überraschungen: Fehlanzeigen. Wer nach neuen Ideen oder ungewohnten Perspektiven sucht, wird hier kaum fündig. Trotzdem besitzt das Debüt eine Qualität, die vielen deutlich ambitionierteren Veröffentlichungen abgeht: Überzeugungskraft. Die Behörde klingt nie kalkuliert, nie geschniegelt und nie so, als hätte jemand die aktuelle Deutschpunk-Checkliste abgearbeitet. Die Band meint, was sie spielt – und das hört man. So bleibt „Der letzte Arbeitgeber“ ein Album, das mehr durch Haltung als durch Originalität überzeugt. Kein großer Wurf, kein neues Kapitel für den Punk, aber ein fettes Zeichen dafür, dass der DIY-Laden Punk immer noch geöffnet hat. Und das ist doch eine verdammt gute Nachricht.
Label: Flight 13
Veröffentlicht: 12. Juni 2026
Genre: Punk, New Wave
Micha Acher
Henry And The Ghosts Songbook
Als Mitglied von The Notwist, Hochzeitskapelle und zahllosen weiteren Projekten müsste Micha Acher eigentlich genügend musiklaischen Spielraum haben, aber der seit Jahren zu den kreativsten Köpfen der deutschen Independent-Szene zählende Musiker sucht nach neuen musikalischen Ideen, die sich außerhalb des in klassischen Bandkontextes bewegen. So legt er nun mit „Henry And The Ghosts Songbook“ ein wunderschönes, unaufgeregtes Solodebüt vor, das mit seiner Reise durch Folk, Kammermusik, Jazz und experimentelle Klangwelten besticht. Auf diesem Album erkundet er, wie Kompositionen für Bands wie Tied & Tickled Trio und Ms. John Soda aus früheren Jahren heute in einer kammermusikalischen Instrumentierung klingen. Dazu traf er sich im Sommer 2022 mit Theresa Loibl (Bassklarinette, Klavier), Timm Cornelius (Fagott), Markus Rom (Gitarre, Banjo, Elektronik) und Simon Popp (Schlagzeug, Percussion) in seinem Wohnzimmer zu einer zweitägigen musikalischen Séance – angereichert um eindringliche elektronische Sounds wurde die Aufnahme von Markus Rom. So entstanden zumeist melancholische Track mit Wurzeln in Pop, Folk, Jazz und klassischer Musik. Man hört sich das Album gerne auch wiederholt an, es entfaltet dabei eine bemerkenswerte Tiefe, in der man mit jedem Durchlauf neue Details entdeckt. Unbedingt empfehlenswert.
Label: Alien Transistor
Veröffentlicht: 12. Juni 2026
Genre: Post-Rock, Folk, Klassik
BIG | BRAVE
In Grief Or In Hope
BIG|BRAVE gehören zu den wenigen Bands, die sich konsequent jeder Erwartungshaltung entziehen. Das kanadische Trio bewegt sich seit Jahren zwischen Drone, Doom, Folk und experimenteller Klangkunst und erschafft Musik, die weniger aus klassischen Songs als aus Atmosphären besteht. Bereits der Titel „In Grief Or In Hope“ deutet die emotionale Spannweite des Albums an. Die Stücke entwickeln sich langsam, lassen viel Raum für Stille und entfalten ihre Wirkung oft erst nach mehreren Durchläufen. Genau darin liegt jedoch ihre besondere Kraft. BIG|BRAVE verlangen Aufmerksamkeit und Geduld, belohnen diese aber mit einer Intensität, die weit über gewöhnliche Genregrenzen hinausgeht. Wer Musik nicht nur hören, sondern erleben möchte, dürfte hier eines der eindrucksvollsten Alben des Monats finden.
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Label: Thrill Jockey
Veröffentlicht: 12. Juni 2026
Genre: Indierock, Noise
The Bobby Lees
New Self
The Bobby Lees steht seit Jahren für eine wilde Mischung aus Garage Rock, Punk und einer gehörigen Portion Chaos. Nach einer längeren Tour 2023 hatte Quartett aus Woodstock eine längere Pause verordnet, jetzt kehrt die Band als Trio zurück und wagen einen Neuanfang. Auf „New Self“ wirkt die Band jedoch fokussierter als je zuvor. Die Energie bleibt ungebrochen, doch zwischen den verzerrten Gitarren und dem ungestümen Vorwärtsdrang blitzen immer wieder überraschend eingängige Melodien auf. Sängerin Sam Quartin verleiht den Songs dabei jene Mischung aus Wut, Verletzlichkeit und Selbstbewusstsein, die das Material weit über gewöhnliche Punk-Klischees hinaushebt. Das Album markiert eine eindrucksvolle Rückkehr. The Bobby Lees haben sich nach schwierigen Jahren hörbar weiterentwickelt, ohne ihre Identität aufzugeben. Wenn du Musik bevorzugst, die lieber roh und rotzig ist als poliert und glatt, solltest du einmal in dieses Album reinhören – du wirst es lieben.
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Label: Epitaph
Veröffentlicht: 12. Juni 2026
Genre: Punk, Garage
Jon Spencer
Songs Of Personal Loss And Protest
Jon Spencer ist inzwischen längst eine Institution des amerikanischen Undergrounds. Ob mit der Blues Explosion oder seinen zahlreichen Nebenprojekten – seine Musik ist stets geprägt von Energie, Haltung und einer gehörigen Portion Rock’n’Roll. „Songs Of Personal Loss And Protest“ verbindet nun persönliche Themen mit gesellschaftlicher Beobachtung und scheint damit erstaunlich gut in die Gegenwart zu passen. Musikalisch darf man erneut eine Mischung aus Garage Rock, Blues, Punk und 60s Vibes erwarten. Dabei klingt Spencer auch mit über sechzig Jahren noch äußerst vital, auch wenn sich die Rezeptur seines Sounds seit Jahren kaum verändert hat. Mit den The Bobby Lees (s.o.) Musikern Kendall Wind und Spider Bowmen – mit denen der Protagonist schon länger als Produzent und Mitspieler verbunden ist – wurden 12 Songs aufgenommen, in denen die umstürzlerische Energie des Rock’n’Roll inmitten schwindender liberaler Werte beschworen wird. Bei aller Berechenbarkeit seines neuen Outputs – ich stehe auf diesen Sound. Ich habe das Trio live im Bumann gesehen. Es war eine halsbrecherische, ungeschliffen Show mit viel Punk-Drive und einem großen Blues-Herz.
Label: Shovel /Bronzerat
Veröffentlicht: 12. Juni 2026
Genre: Garage, 60s, Psychedelic
MONO
Snowdrop
Elegischer Postrock aus Japan: Seit über zwanzig Jahren gehören MONO zu den wichtigsten Vertretern des Post-Rock. Sie erschaffen Klanglandschaften, die gleichermaßen monumental und emotional wirken. Der langjährige Produktionspartner und Freund Steve Albini war zu einem grundlegenden Bestandteil des unverwechselbaren MONO-Sounds geworden. Nach seinem Tod übernahm Brad Wood, ein enger Freund Albinis, die Produktion. Im legendären Electrical Audio Studio, in dem viele MONO-Alben entstanden, nahmen die Musiker gemeinsam mit dem Dirigenten Chad McCullough, einem zehnköpfigen Orchester und einem achtköpfigen Chor acht monumentale Stücke auf. Alle Tracks sind nach Blumen benannt; Mono nutzt diese Symbolik, um die zentralen Themen wie Verlust und Abschied, Hoffnung und Trost zu versinnbildlichen. Zwischen stillen Passagen, orchestraler Weite und gewaltigen Steigerungen erzählt MONO eher Geschichten als klassische Songs. Manchmal kippt das Pathos ins Große, doch wer sinfonischen Rock im Breitwandformat und Godspeed You! Black Emperor mag, sollte reinhören.
Label: Temporary Residence Ltd.
Veröffentlicht: 12. Juni 2026
Genre: Post-Rock, Ambient
Lost in Kyiv
We’re All Going To Be Fine
Mit „We’re All Going To Be Fine“ markiert die französische Post-Rock-Band Lost In Kyiv einen spürbaren Einschnitt in der eigenen Bandgeschichte. Die Schreibweise verweist nun aus Respekt zu der unter Beschuss stehenden Ukraine auf die ukrainische Schreibweise von Kyiv und auch musikalisch wirkt das fünfte Album wie ein konzentrierter Neustart: tiefer gestimmte Gitarren, ein neuer Schlagzeuger und mehr physische Wucht verdichten den bekannten Post-Rock-/Metal-Sound der Band. Ihr Sound hat schon immer von der Spannung zwischen dem Organischen und dem Synthetischen gelebt. Auf „We’re All Going To Be Fine“ erreicht diese Verschmelzung ein neues Maß: weite Klangräume, geduldig aufgebaute Spannungsbögen und filmische Atmosphäre, Jérémie Legrands prägnantes Drumming geben den Songs mehr Bodenhaftung. Ebenfalls wichtiger Bestandteil: die Elektronik. Synths, Loops und elektronischen Texturen greifen tief in die Songarchitektur ein. Von „Burst“ über „Mantra“ bis zum ausgedehnten „Euphoria“ zeigt das Album eine klare Dramaturgie zwischen Schwere, Bewegung und Nachhall. Auf „Becoming“ setzt mit Rebecca Need-Menears Stimme auf diesem Instrumental-Album einen wirkungsvollen Akzent. Mit „We’re All Going To Be Fine“ klingen Lost In Kyiv schwerer, kompakter und unmittelbarer als auf früheren Aufnahmen. Über 41 Minuten tastet sich das vor Weltschmerz vibrierende Album an die Spannung zwischen Hoffnung und Erschöpfung, Härte und Verletzlichkeit, synthetische Kühle und menschliche Unruhe heran – und folgerichtig steht gegen Ende ein Sample von Carl Gustav Jung. So entsteht kein überwältigendes, sondern ein tragendes Album – intensiv und überzeugend.
Label: Pelagic Records
Veröffentlicht: 19. Juni 2026
Genre: Post-Rock, Post-Meta
Dead Pioneers
Wagon Burner
Mit „Wagon Burner“ schlagen Dead Pioneers ein neues Kapitel auf. Die politische Wut, die die Band um Gregg Deal seit ihrem Debüt antreibt, ist weiterhin allgegenwärtig, doch musikalisch öffnet sich die Gruppe stärker als je zuvor. Neben den gewohnt bissigen Punk- und Hardcore-Attacken finden sich erstmals deutlich mehr Melodie, Atmosphäre und eingängige Refrains. Besonders „Nazi Teeth“ überzeugt als kompromisslose antifaschistische Kampfansage, während „No Kings“ den Widerstand gegen autoritäre Strukturen zum mitreißenden Punk-Manifest macht. Die größte Überraschung ist jedoch „Never Alone“, eine Kollaboration mit The Interrupters. Der Song setzt auf Gemeinschaft statt Konfrontation und zeigt eine beinahe poppige Seite der Band, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu gefährden. Auch das düstere „The Worst Among Us“ mit Jason Williamson von Sleaford Mods erweitert das Klangspektrum spürbar. Die Songs besitzen weiterhin die rohe Energie früherer Veröffentlichungen, wirken aber durch die stärkere Betonung von Hooks und Dynamik zugänglicher. Vielleicht sitzt nicht jede stilistische Erweiterung perfekt, aber insgesamt gelingt Dead Pioneers jedoch der Spagat zwischen Weiterentwicklung und Haltung. Ein wütendes und überraschend eingängiges Punkalbum, das zeigt, dass politische Musik auch 2026 noch relevant und aufregend sein kann. Hör mal rein.
Zur einer ausführlichen Review des Album
Label: Hassle
Veröffentlicht: 26. Juni 2026
Genre: Punk

